Das Ohr und der Einfluss auf die Körperstatik – Prof. Dr. Bortolin und Dr. Carniel , Italien

ERST DURCH DIE EIGENSCHAFTEN, DIE IHM SEINE GEHIRNSTRUKTUREN VERLEIHEN,
WIRD DER MENSCH ZU DEM, WAS ER IST.
René J. Bourdiol

The man is an unitary being.
He is unique and unrepeatable and represents an ensemble of physical, mental and, of course, spiritual qualities.
His chances of survival depend on its skill to act and interact with the universe that surrounds him in a constant motion and always in a balanced dimension.
Stefano Fraccaro
Gemmer Italia

Dieser Bericht kann nicht davon absehen, den bedeutenden Einfluss unserer Ausbildung an der Schule des Dr. René Jacques BOURDIOL von GEMMER-Frankreich und der Forscher des „Neuro-Anatomischen Begriffes“ – wobei genaue neuro-physiologische Prinzipien zu Grunde liegen – von GEMMER-Italien:

  • Dr. Giuseppe Bortolin,
    Plastischer Chirurg,
  • Dr. Roberto Carniel
    Sportarzt, Neurologe und
  • Dr. Giulio Giovanni Sulis,
    Hals-Nasen-Ohrenarzt,

anzugeben.

Das Körperhaltungssystem regelt die wechselseitige Stellung der verschiedenen Skelettsegmente so, dass sie sowohl unter statischen als auch unter dynamischen Bedingungen optimal ausgerichtet und an die Bedürfnisse des täglichen Lebens angepasst werden.
Darin erkennen wir Systemeingaben („INPUTS“), Systemausgaben („OUTPUTS“), und ein feines und spitzfindiges ergänzendes System, sowohl zentral als auch peripher, welches vom Nervensystem in seinen verschiedenen Bestandteilen koordiniert wird (Rinde, subkortikale Strukturen, Kleinhirn, autonomes Nervensystem).

Die große Errungenschaft des Menschen im Laufe seiner Evolution war das Erreichen der aufrechten Haltung, wobei er sich der Schwerkraft widersetzte. Dies hat zu folgenden Umständen geführt:

Das Erreichen der aufrechten Haltung

  1. Das ausschließliche Auftreten mit dem Fuß hat zu einer deutlichen Minderung der Projektion des Schwerpunktes zum Boden hin geführt, ein Parameter, welcher mit einer statischen Stabilometrie untersucht wurde. Dadurch ist der Fuß gezwungenermaßen zu einem der wesentlichen Eingänge des Systems (Fußrezeptor) geworden.

  2. Der waagrechte Blick konnte dadurch erreicht werden, ein Parameter, welcher den Forschungsbereich erweitert hat und zu einer vorrangigen und unerlässlichen Bedingung wurde.
    Bei einer Änderung dieser Bedingung passen sich nämlich das Schädelmassiv und das Okularsystem mit der Neigung des Kopfes (tilt) und dem Anheben eines Auges an sowie dadurch, dass die beiden Augäpfel nicht mehr auf einer Achse liegen (skew deviation), und/oder mit einer Zyklotorsion des Auges (ocular counterrolling), alles Phänomene, die durch die Aktivierung des otolithischen Systems hervorgerufen werden.

    Deshalb ist das Auge in jedem Fall ein grundsätzlicher Rezeptor des Systems (Okularrezeptor).


    Das Auge bewirkt in vollkommenem Einklang mit dem Fuß und dank der Mithilfe der otolithischen Rezeptoren, auf die es andauernd mit einer Vektorkraft einwirkt, welche je nach Neigung des Hauptes (Schwerkraft) stets unterschiedlich ist, die Wahrnehmung der Vertikalität.

    Die Pathologien des otolithischen Bereiches verursachen nämlich eine falsche Wahrnehmung der Vertikalität, die sich beim Test der subjektiven Vertikalen zahlenmäßig feststellen lässt.

  3. Es hat die Befreiung der oberen Gliedmaßen und die Entwicklung der Feinfunktionen der Hände ermöglicht.

Die Rolle der Muskulatur in der Orthostatik

Die Positionierung des menschlichen Körpers und seiner beweglichen Teile im Raum erfordert eine dynamische Muskeltätigkeit, die in der Lage ist, der Erdanziehungskraft entgegenzuwirken.
Der Haltungstonus wird von den Skelettmuskeln ermöglicht, die eher tonische Muskelarbeit verrichten und sich damit funktional von den phasischen, für die Bewegung zuständigen Muskeln unterscheiden.

Jeder Muskel erhält vielfältige Reize von verschiedenen Nerven und Bereichen des Gehirns

  • Die Muskeln können je nach Art der Arbeit, die von ihnen verlangt wird, ihre Stoffwechseleigenschaften verändern.
  • Ein und derselbe Muskel kann kinetische, also phasische Aufgaben oder aber posturale, also tonische Aufgabe erfüllen.
  • Jeder Nerv befördert Impulse verschiedenster Art in verschiedene Richtungen.

Die Muskeln bestehen aus vielerlei Muskelfasern, die in motorischen Einheiten organisiert sind. Eine motorische Einheit umfasst das Motoneuron sowie alle von diesem innervierten Muskelfasern.
Die zu einer motorischen Einheit gehörenden Muskelfasern sind alle von derselben Art.

Die Muskelfasern der Skelettmuskulatur verfügen nicht durchwegs über dieselben mechanischen und metabolischen Eigenschaften.
Der Großteil der Muskeln besteht aus drei verschiedenen Typen von motorischen Einheiten, die miteinander vermischt sind.
Die maximale Kontraktionsgeschwindigkeit, die Kraft und der Ermüdungsgrad eines einzelnen Muskels ist von dem Verhältnis abhängig, in dem die verschiedenen Arten von Muskelfasern zueinander stehen, aus denen er gebildet ist

Ausgehend von diesen anatomisch-physiologischen Voraussetzungen hat R. J. BOURDIOL die Muskeln in kinetische, emotionale und tonisch-posturale Muskeln unterteilt.

  • Diese funktionale Einteilung entspricht einer neuroanatomischen und klinischen Realität und stellt einen Ausgangspunkt für wichtige therapeutische Anwendungen dar.

A. DIE KINETISCHEN MUSKELN
So werden jene Muskeln bezeichnet, deren Tätigkeit geplant ist und willentlich, bestimmt und bewusst ausgeführt wird.

Ihre Steuerung erfolgt im Neokortex, und zwar in den folgenden Schichten (schematisch):

Schicht 4, pyramidal,
deren Stimulierung segmentäre Körperbewegungen auslöst,

Schicht 6 , parapyramidal,
in der die assoziierten Bewegungen entstehen,

Schicht 8, extrapyramidal,
die für die Präzision, die „Feinheit“ und die „Individualität“ spezialisierter Bewegungen zuständig ist.

Die kinetischen Muskeln entsprechen den “weißen Muskeln” in der Physiologie. Ihre kinetische Fähigkeit ist durch das Vorherrschen von schnellen, phasischen motorischen Einheiten bedingt.

Ihre Energie erhalten sie von einem oxidativ-glykolytischen (Fasern vom Typ 2a) oder einem glykolytischen Stoffwechsel (Fasern vom Typ 2b).
Es handelt sich hier um “schnelle”, kräftige und effiziente Muskeln mit einer hohen Kontraktionsgeschwindigkeit, die jedoch empfindlich sind und schnell ermüden.

Sie dürfen nur unter geeigneten Stoffwechselbedingungen aktiv sein, da sie sonst zuviel Milchsäure produzieren, was wiederum zu Kontrakturen führen kann.

B. DIE EMOTIONALEN MUSKELN
“Emotional” nennen wir Muskeln, die folgende Eigenschaften besitzen:

  • anatomisch gesehen verfügen sie über nur eine Knocheninsertion; die andere Insertion betrifft die Haut (mimische Muskulatur), die Sehnen (Mm. lumbricales, M. quadratus plantae) oder die Aponeurose (Geschlechtsorgane);
  • sie sind “halb” willkürlich;
  • sie werden nicht immer bewusst wahrgenommen;
  • sie ermüden nicht, wie auch die starken und andauernden spastischen Kontrakturen bei fokalen Dystonien oder Ticks (Blepharospasmus, oromandibuläre Dystonie) beweisen…

Sie sind von einem besonderen motorischen Kortex abhängig, dem Rhinencephalon. Ihre Steuerung liegt in der Windung des Balkens (Gyrus cinguli), der philogenetisch ältesten Großhirnrinde (Paleocortex).

C. DIE TONISCH-POSTURALEN MUSKELN

  • So werden einerseits all jene Muskeln definiert, die sich der Schwerkraft widersetzen, andererseits die als Schutz- und „Alarm“system dienende Muskulatur (wie etwa die Nackenmuskeln, die über die Integrität des vertebrobasilären Systems wachen).
  • Es sind dies die orthostatischen Muskeln.
  • Ihre tonisch-posturale, gegen die Schwerkraft gerichtete Wirkung ist durch das Vorherrschen von langsamen, tonischen motorischen Einheiten bedingt.
  • Beim Menschen verfügen die wichtigsten dieser „Antigravitations“-Muskeln über ein beachtliches Repertoire an tonischen Fasern, wie etwa die Extensoren der unteren Gliedmaßen, der M. triceps surae, der M. popliteus, alle paravertebralen Muskeln, der M. quadratus lumborum, die Nackenmuskulatur…
  • Die tonisch-posturalen Muskeln verfügen über ein spezielles Arsenal an Enzymen, dank derer sie langsam, aber lange Zeit hindurch arbeiten. Die Muskelfasern besitzen einen Oxidationsstoffwechsel und sind sehr gefäßreich. Ihre Kontraktionsgeschwindigkeit ist gering, sie sind jedoch extrem ausdauernd.

Wir haben es also mit einem System zu tun, das in der Lage ist, lange Zeit hindurch aktiv zu sein und die entwickelte Kraft konstant beizubehalten.

Aus neurologischer Sicht stehen diese Muskeln in einer privilegierten Beziehung zu den propriozeptiven Rezeptoren.
Ihre Steuerung ist subkortikal, sie geht aus:

  • von den zentralen grauen Kernen;
  • Vom Kleinhirn und vom Gehirnstamm.

Diese Muskeln werden reflektorisch, also automatisch gesteuert und kontrolliert.

  • Wir werden uns ihrer nur in Ausnahmefällen und immer in mehr oder minder pathologischen Situationen bewusst.
  • Obwohl die tonisch-posturalen Muskeln eindeutig gegen die Schwerkraft gerichtet sind, haben sie einen vorwiegend afferenten, propriozeptiven neurologischen Kreislauf, die Aktivierung verläuft jedoch anfangs exterorezeptiv (so bilden die verkapselten Meissner-Körperchen in der Fußsohle etwa die oberflächliche afferente Schicht).


Das Neocerebellum steuert in allen metameren Abschnitten die Koordination zwischen Agonist und Antagonist, um ein stabiles Gleichgewicht der für die Haltung zuständigen Muskelgruppen zu gewährleisten.

UNTER PATHOLOGISCHEN BEDINGUNGEN
Wechseln diese Muskeln von tonische in phasische Aktivität

  • Eine neurologische Erklärung für diese Annahme der Forscher dürfte in der Tatsache begründet liegen, dass unter pathologischen Bedingungen die kortikalen Bahnen aktiv werden und das Haltungssystem übernehmen und überwachen. Die kortikale Kontrolle gewinnt also die Oberhand über den subkortikalen Automatismus.
  • Die Muskelfasern machen also eine langsame Veränderung von langsamen, tonischen, zu schnellen, phasischen Fasern durch.
  • Auch der Muskelmetabolismus verändert sich und es kommt zu Schmerzen, Kontrakturen…. zu Instabilität.
  • Dasselbe passiert auch mit der Muskulatur des schmerzenden Fußes.

Die mit der Reedukationsmethode nach Bourdiol-Bortolin erzielten Resultate (Abklingen der Schmerzsymptomatik sowie der Stabilitätsstörungen der Fußstruktur) ermutigen uns, die Hypothese aufzustellen, dass es mit dieser Technik möglich ist, die langsamen Fasern des tonisch-posturalen Muskels anzusprechen und zu reaktivieren und damit die automatische subkortikale Kontrolle wieder herzustellen.

Jeder einzelne Muskel spielt an und für sich eine relativ geringfügige Rolle; man spricht besser von kinematischen Muskelketten oder Muskelgruppen, die eine bestimmte Funktion Ausüben (zum Beispiel: Beugerkette oder Streckmuskelkette etc.).

  • Die zuletzt genannte Kette ist ganz wesentlich für die Beibehaltung der aufrechten Position.
  • Durch das Auftreten des Fußes auf dem Boden während des Schrittes findet sie ihre Stütze im queren Spinalmuskel (Multifido-Muskel).

Dieser Muskel oder, besser gesagt, diese Reihe von kleinen schuppenartig über einander gelagerten Muskeln folgt fast zur Gänze der Kreuzbeinwirbelsäule bis in den zervikalen Bereich und bewirkt so eine deutliche Gegenwirkung der Tendenz zum Fall nach vorne mit einer Beugung infolge der Schwerkraft.

Diese Kette, wird, wie bereits erwähnt, durch den Schritt bewirkt, und ist daher eine nützliche Therapiehilfe, die das Aufrichten der Wirbelsäule erleichtert.

Wenn diese Muskelgruppe den Tonus und mit der Zeit ihre Elastizität verliert (Fluage-Phänomen), kann es zu einer allmählichen Instabilität zu Lasten der Wirbelsäule kommen.

Um diesem Problem entgegen zu treten, geht man anfangs zu einer Ersatztätigkeit über, wobei die kinetischen, phasischen Muskeln aktiv werden bei vorwiegend raschen, phasischen, kraftvollen und spritzigen Bewegungseinheiten mit hoher Kontraktionsgeschwindigkeit, die jedoch fragil und schnell erschöpfbar sind … welche mit der Zeit zum Auftreten von Schmerz, Verspannung und Versteifung der Wirbelsäule führen.

Der Schmerz kann daher ein Kontrollspion für dieses Phänomen sein, der den Posturologen zu einer Rehabilitation der tonischen Muskelsysteme mit vorzeitigen Mangelerscheinungen anleiten soll. Wenn dies nicht erfolgt, ist die nächste Phase unvermeidlich ein Zusammenbruch der Wirbelsäulenstruktur mit Rotationen und Torsionen (Ausgangspunkt für die Skoliose).

Die moderne Posturologie muss sich daher unbedingt genaue Ziele setzen.

  1. Untersuchung der Körperhaltung, unter statischen und dynamischen Bedingungen, mit dem gemeinen Senkblei. Es werden die „Pfeile“ der Wirbelsäule bewertet (Hals- und Lendenwirbelsäule sowie Hinterkopf), das bedeutet, die Entfernung der höchsten Hohlrundung der genannten Abschnitte zu einem Senkblei, das an einem bestimmten Punkt des Kreuzbeines anlehnt, wird gemessen.
    So können die Haltung und das Ausrichten in einer Geraden der verschiedenen Segmente (Schultern, Becken), die Drehungen, die Kopfhaltung etc. überprüft werden.

  2. Bewertung der verschiedenen Rezeptoren des Systems und Untersuchung eventueller Dekompensationen. Daher: Untersuchung des Auges und der Okulomotorik, der vestibulären Organe (sowohl der Kanäle als auch der otolithischen Organe), des Fusses und des Auftreten des Fusses, des Kiefergelenks, des Muskelverhaltens während des Schluckens und vorhandener Narben.

  • Erforschung des Vorhofsystems, mit und ohne Geräte.

Das Vestibulum ist nämlich ganz eng mit dem Auge und mit den Halsmuskeln verbunden beim anhaltenden Fixieren eines Gegenstandes und bei einer optimalen Koordination Auge-Kopf (Okulo-Zephalogyrus-Verbindungsweg).

  • Die vestibulären Rezeptoren stehen in enger Verbindung mit den Körpermuskeln, denen sie andauernd Informationen über die Vestibularkerne des Gehirnstammes (vestibulär-spinale Wege) senden (und von denen sie auch Informationen empfangen).

Man muss daher das Vorhandensein eines Nystagmus folgender Natur bewerten:

  • Spontannystagmus, abgesehen von der Kopfhaltung des Patienten, der durch Frenzel-Brillen mit 20 oder mehr Dioptrien beobachtet werden muss.
  • Enträtselter Nystagmus, der durch eine besondere Augenstellung beobachten werden kann.
  • Herbeigeführter Nystagmus, durch physische (mechanische oder thermische) Mittel vom Arzt ausgelöst, wobei verschiedene Tests der modernen oto-neurologischen Techniken angewendet werden.
  • Lagenystagmus, der auftritt, wenn die Kopfhaltung langsam (z.B. auf die rechte Seite, auf die linke Seite, mit Kopfdrehung …) in Relation zur Schwerkraft verändert wird, also bei verstärkter (geotroper) Bewegung oder bei gehemmter (apogeotroper) Bewegung.
  • Einstellungsnystagmus, bei schnellen Haltungsänderungen (typisch für Bewegungen bei gutartigem paroxysmalem Schwindel):
    • bei Verdacht auf eine Ätiologie des hinteren Bogenganges;
    • Diagnostisch für den hinteren und seitlichen Bogengang und therapeutisch und befreiend für den hinteren Bogengang;
    • Regulierungsnystagmus beim hinteren Bogengang.

Dabei sollte auch untersucht werden, ob Hörmängel vorhanden sind. Die moderne OTONEUROLOGIE betrachtet das GLEICHGEWICHTSSYSTEM als ein komplexes System, das mit anderen Subsystemen eng verbunden ist, wie etwa mit dem HALTUNGSSYSTEM, und zwar vor allem aus dem Grund, damit eine dynamische Interaktivität des Individuums mit der Umwelt ermöglicht wird, in vollkommener Harmonie mit der Schwerkraft und, damit es sich in der Umwelt bewegen, mitteilen und daraus lernen kann.

Diese Funktion ist das Ergebnis von rezeptorischen, peripheren, vestibulären Informationen, visuellen, propriozeptiven Informationen (welche von den Vestibularkernen und der Formatio reticularis umgearbeitet werden), die von der Hirnrinde, vom extrapyramidalen System und unter der modulierenden Hemmkontrolle des Kleinhirns moduliert und integriert werden.

Die zentralen Strukturen arbeiten Bewegungsstrategien aus, zum Teil automatischer Natur wie Reflexe, zum Teil durch Erfahrungen angelernte Strategien.

Zu den automatischen Reflexen gehören:

Okulomotorische Reflexe:
Ihr Zweck ist es, die Bewegungsstabilität des Gesichtsfeldes und der Auge-Kopf-Koordinationbeizubehalten

  1. vestibulär-okulomotorischer Reflex (VOR)
  2. optisch-kinetischer Reflex (OKR)
  3. zerviko-okulare Reflexe (COR).

Spinale Reflexe:
Sie ermöglichen die aufrechte Statur und die Haltungskontrolle während der Bewegung (sie sind ein ergänzender Bestandteil des Haltungssubsystems)

  1. vestibulär-spinaler Reflex (VSR)
  2. vestibulär-collischer Reflex (VCR)
  3. zerviko-collischer Reflex (CCR)
  4. zerviko-spinaler Reflex (CSR)
  5. Reflexe durch Zerrungen

Diese Reflexe werden durch einen automatischen Feed-Back-Mechanismus (Rückkoppelung) bewirkt.

4. Bewertung und Erforschung des Kleinhirns und neurologischer Mängel.

  • Das Zentralnervensystem kontrolliert das Haltungssystem, sowohl peripher als auch zentral.
  • Unsere Bewegungen und unsere Haltung spüren die so genannten Feed-Back-Strategien, das heißt, Aktion-Reaktion, wie auch die Feed-Forward-Strategien (antizipierter Mechanismus).

Diese Strategie ermöglicht das Erlernen und die Automatisierung einer bestimmten Bewegung in der Art und Weise, wie es für eine gewisse Tätigkeit am besten ist.

Wenn man, zum Beispiel, einen Steilhang öfters abwärts läuft, wird es beim ersten Mal zum Lernen und Erforschen dienen, jedes weitere Mal werden gespeicherte Programme benützt, um das best mögliche Ergebnis zu erzielen.


Nach dieser ersten Untersuchungsphase des Zustandes, und, bevor man mit einem Rehabilitationsprogramm beginnt, ist es erforderlich, zu überprüfen, ob „parasitäre“ Zustände vorhanden sind, welche die anschließende Rehabilitation sowohl segmentweise als auch im Ganzen behindern.

Vorhandene Muskelblockaden.

  • Jedes Gelenk hat ein ideal koordiniertes Spiel verschiedener Muskelgruppen: Agonistische, antagonistische und synergetische Muskeln.
  • Einer Aktivierung der Agonisten muss eine Inhibition der Antagonisten in koordinierter und wechselseitiger Weise entsprechen: Das Ganze wird von einer feinen neurologischen Steuerung geregelt.
  • Jeder Muskel hat seinen Grundtonus.
  • Dieser wird peripher durch Zerrungsrezeptoren geregelt (so genannte neuromuskuläre Spindeln), die sich im Muskel (myotaktiler Reflex) und in den Sehnen (Golgi’sches Sehnen-organ) befinden und die der Kontrolle durch eine äußerst komplexe neurologische Struktur, der so genannten Formatio reticularis, unterliegen, welche im mittleren Bereich des Rückenmarks sitzt (vom Pferdeschweif bis zur mesenzephalen Zone).

Diese Struktur, in der die Neuronenkontakte nicht durch Synapse erfolgen, sondern durch direkten elektrischen Kontakt (Ephapse), spürt die peripheren und zentralen Einflüsse und trägt je nach deren Einfluss zum Muskeltonus bei.

Wie man sagt, wird der netzförmige „Filter tagsüber mit allen peripheren Informationen aufgeladen und im Ruhezustand entladen“. Wenn er nicht einwandfrei funktioniert, trägt dies zu einer Fehlhaltung und zu Osteo-myotendinösen Störungen bei.

Dazu kommen auch die Einflüsse kortikalen und limbischen Ursprungs, die dann auf den Muskel entladen werden. Denken wir, z.B., an die aufrechte Haltung einer selbstbewussten hyperaktiven Person, und im Gegensatz dazu an die gebeugte Haltung eines depressiven, müden und energielosen Menschen.

Bei einer Blockade funktioniert diese feine und spitzfindige Bewegungskoordinierung nicht und das Gelenk wird in seiner Bewegung gebremst auf Grund der asymmetrischen Verspannung einer Muskelgruppe im Gegensatz zu seinem Gegenspieler.

Die Blockade kann Folgendes verursachen:

  1. Kompression von Nervenstrukturen, dadurch kommt es zu einem motorischen Defizit, zu Schmerzen, Zephalgien.
  2. Kompression eines Gefäßelements mit anschließendem Defizit und Schmerz; das passiert zu Lasten der Formatio reticularis des Rumpfes bei einer Blockade des Atlas oder des zweiten Halswirbels mit Quetschung der Wirbelarterie.
  3. Im Großhirn trifft eine falsche periphere Information ein (die von der Peripherie her kommt, zum Beispiel von den Füßen), mit mangelnder Haltungskorrektur der unteren Gliedmaßen durch einen zentralen Befehl.

Ein ganz wichtiges Beispiel für die Folgen einer Blockade sind die Blockaden des Atlas und des zweiten Halswirbels, wie vorhin erwähnt, wobei häufig noch ein nicht korrigierter, wenn auch leichter Astigmatismus dazu kommt.
Denn beim Astigmatismus sind die Difraktionsmittel des Auges (Hornhaut, Linsenkörper) nicht vollkommen kugelförmig, sondern torusförmig. Bildlich ausgedrückt: „Nicht wie ein Fussball, sondern wie ein Rugby-Ball“.

Die Lichtstrahlen, die aus dem Unendlichen kommen, treffen deshalb nicht im gleichen Einfallswinkel auf das Auge, sondern je nach Position in einem anderen Winkel, wobei es eine bevorzugte Achse gibt, entlang derer das Individuum besser sieht.

Um auf diese bevorzugte Achse zu kommen, wird man eine mehr oder weniger komplexe Neigung des Kopfes (tilt) vornehmen, wodurch es mit der Zeit zu einer asymmetrischen Verspannung zwischen Agonisten- und Antagonisten-Muskeln im Bereich des Hinterhauptes, des Atlas und des zweiten Halswirbels kommt, und sich so die Blockade entwickelt.

In diesem Bereich gibt es tief liegende, reflexive, unwillkürliche Muskelgruppen, die grundsätzlich zwei Funktionen ausüben:

  1. Schutz der Wirbelarterien vor eventuellen Traumen. Diese Arterien durchbluten nämlich den hinteren Bereich des Gehirns nach ihrem Ursprung an der Unterschlüsselbeinarterie und nach einem ersten Abschnitt (von C7 bis C3), in dem sie durch die knöchernen Zwischenwirbelkanäle führen; ab dort bis zum Eingang in den Schädel ist keine Abdeckung gegeben.



    Diese Muskeln bilden daher ein wichtiges Schutzkissen, der übermäßige Halsrotationen während der Okulozephalo-Drehung vermeidet, bei welchen es zu einer schmerzhaften Zerrung der Arterie kommen könnte.

    Eine Blockade dieses Bereiches bringt deshalb ein Gefäßdefizit an der Wirbelarterie mit sich, wobei die Formatio reticularis leidet, welche von einem Ast der Wirbelarterie (vordere Spinalarterie) versorgt wird.

  1. Hier trägt die Formatio reticularis neben der Tonusregulierung zu zwei wichtigen Funktionen bei: Regelung des Schlaf- Wachzustand-Rhythmus und Regelung der visuellen Anpassung. Ein Leiden der Formatio reticularis an dieser Stelle führt daher zu ihrer mangelhaften Aufladung während des nächtlichen Schlafes, der dann kein „erholsamer“ Schlaf ist und zum Auftreten des Phänomens der so genannten „paradoxen Asthenie“ führt. Dies ist ein Umstand, der sich schon beim Erwachen bemerkbar macht mit dem Gefühl eines schweren Kopfes, von Benommenheit, Ungleichgewicht und der Notwendigkeit, einige Stunden zu benötigen, um völlig aktiv zu werden. Dazu gesellt sich die Schwierigkeit, Gegenstände scharf zu sehen. Hierbei handelt es sich um ein weiteres Phänomen, das mit Zephalgie einher geht und bis zur offenen halbseitigen Neuralgie durch Kompression des großen Okzipitalnervs reicht.

DAS MULTISENSORISCHE
GLEICHGEWICHTSSYSTEM

Das Gleichgewicht ist eine unbewusste Aktivität, die es dem Körper ermöglicht, mit motorischer Koordination, Maß und Harmonie komplexe Bewegungen auszuführen, die eine gleichzeitige und synchrone Kontraktion verschiedener Muskelgruppen mit agonistischer, antagonistischer und synergetischer Wirkung erfordern.

Gesteuert wird es vom Hirnstamm, und zwar mit Hilfe:

  • der retikulären Formation;
  • der Vestibularkerne in Verbindung mit
    dem Archicerebellum. (Altkleinhirn).
  • Dieses System wird durch drei Arten von Informationen in Gang gesetzt:
    • vestibulären;
    • visuellen;
    • propriozeptiven Informationen.

Nicht alle Informationen sind unbedingt erforderlich, man denke nur daran, dass ein gesunder Mensch das Gleichgewicht auch mit geschlossenen Augen relativ gut halten kann.

Allerdings ist eine Information allein niemals ausreichend. Diese Tatsache erklärt die Wichtigkeit des Romberg-Versuchs bei propriozeptivem oder vestibulärem Defizit.

DAS VESTIBULUM (Vorhof).

  • Die drei Bogengänge registrieren Bewegungen um die drei Raumachsen (Drehbewegungen).
  • Die beiden otolithischen Organe (Utriculus und Sacculus) nehmen lineare Beschleunigungen wahr (Verschiebungen und Schwerkraft).
  • Die Kombination aus diesen beiden Systemen gewährleistet die Wahrnehmung jeder Art von Beschleunigung.

DIE PERIPHERE NETZHAUT

  • Die mittlere Netzhaut hat die Aufgabe, Objekte zu identifizieren.
  • Die periphere Netzhaut ermöglicht eine Lokalisierung der Objekte und die Wahrnehmung deren Bewegungen, wirkt also praktisch wie ein „visuelles Vestibulum“.

DIE HALSMUSKELN.

Die tief liegenden Halsmuskeln registrieren die Bewegungen des Kopfes im Verhältnis zum Rumpf nach Richtungen, die den Bogengängen sehr ähnlich sind.

  • die Halsmuskulatur verhält sich also wie ein propriozeptives Vestibulum.

Die drei „Vestibula“ mit Hilfe der Vestibularkerne und ausschließlich vom Kleinhirn gesteuert teilen sich die Informationsverwaltung auf.

Arnold’sche Neuralgie. Zephalgie, Ungleichgewicht, Ohrgeräusche etc. können weitere Begleitsymptome sein.

Die Blockaden müssen identifiziert und behandelt werden, weil sie wie Parasiten auf das System wirken.

Die erlernten BEWEGUNGSSTRATEGIEN rein zentralen Ursprungs gehören zu den ANTIZIPIERTEN MECHANISMEN oder FEED-FORWARD.

Bei diesen Mechanismen, die auf Grund von Erfahrung erlernt werden, spielen die ZUFÄLLIGEN GEFÜHLSZUSTÄNDE eine vorrangige Rolle.

Um es kurz zu veranschaulichen: Wenn wir beispielsweise auf einem Feldweg bergab laufen, benötigen wir anfangs etwas mehr Zeit und passen unbewusst besser auf; wenn wir denselben Weg aber mehrmals bergab laufen, werden wir schneller und genauer sein, da unser Hirn im kortikalen und subkortikalen Bereich bereits die best möglichen antizipierten Bewegungsstrategien assimiliert hat, um das beste Ergebnis bei der geringsten Anstrengung zu erzielen.

Der ZUFÄLLIGE EMOTIVE-EMOTIONELLE ZUSTANDE stellt eine Variable dar.

Das komplexe GLEICHGEWICHTSSYSTEM ist mit einer „schwarzen Box” vergleichbar, das bedeutet, mit einem System, dessen Eingaben (inputs) und Ausgaben (outputs) man kennt, aber was man nicht kennt, sind die Verhältnisse zwischen den Eingabe- und den Ausgabesignalen ebenso wenig wie die Verfahrensweisen und Strukturen, die zu einer bestimmter Handlung führen.

Ein so umfassendes System wie das GLEICHGEWICHTSSYSTEM wird von ganz genauen Gesetzen gesteuert:

  1. GANZHEIT:
    Jeder Bestandteil des Systems hängt unmittelbar von den anderen ab, sodass eine Änderung an einem Bestandteil das ganze System verändert.
  2. GLEICHE ZIELSETZUNG:
    Dasselbe Ergebnis kann durch Anwendung anderer Eingaben (inputs) und unterschiedlicher Strategien erzielt werden; was zählt, ist nicht der Zustand der Subsysteme, sondern die Art und Weise, wie sie miteinander kommunizieren.
  3. RÜCKKOPPELUNG (feedback):
    Das System muss ununterbrochen über die Wirksamkeit seiner Ausgaben (outputs) informiert werden; die Systemausgänge sind auch gleichzeitig seine Eingänge, z.B., der okulare Muskeltonus stellt ein Steuerungs-Input für das okulomotorische Output dar (Reafferenz).
  4. KALIBRIEREN:
    Ein System ist stabil, wenn sich seine Variablen (inputs) innerhalb bestimmter Grenzwerte bewegen. Durch das Kalibrieren erklärt sich die Kinetose (Reisekrankheit).
  5. REDUNDANZ:
    Die Informationen, die von den verschiedenen Inputs her kommen, sind überladen, und das System benützt nur die am besten geeigneten Informationen, die es dazu braucht, um in einem bestimmten Umfeld das Gleichgewicht beizubehalten. Bei alten Menschen ist die Redundanz wesentlich geringer.
  6. BEVORZUGUNGEN:
    Je nach Alter, Erziehung und Lebensstil bevorzugt man eher gewisse Inputs, zu verwenden. Das ist ein ganz individuelles Kriterium.

Bei den SENSITIVEN AFFERENZEN unterscheidet man wie folgt.

  1. VESTIBULÄRE AFFERENZEN.
    • Diese spielen eine Rolle bei der Kontrolle der Kopfhaltung und bei der Haltung der Gliedmaßen während der Bewegungen des Körpers oder der Stützungsgrundlagen dank der Informationen, die von den BOGENGÄNGEN her kommen, und deren Anregung von den winkelförmigen Beschleunigungen ausgelöst werden.
    • Sie spielen weiter eine Rolle bei der Beibehaltung der statischen Haltung dank der Informationen, die von der UTRIKULUS-Macula und von der SACCULUS-Macula herrühren, auf welche andauernd die Schwerkraft einwirkt.
    • Sowie bei der Richtungsstabilisierung des Blickes infolge von Kopfbewegungen zusammen mit ausgleichenden Bewegungen der Augen (VESTIBULO-OKULOMOTORISCHER REFLEX).
  2. PROPRIOZEPTIVE-MUSKULO-TENDINÖSE AFFERENZEN SOWIE ARTIKULÄRE MUSKULOAFFERENZEN.
    • Sie informieren über die wechselseitige Position der Körpersegmente, tragen zur Aufrechterhaltung des Muskeltonus durch myotaktile Zerrungsreflexe bei und elizitieren die Reflexe der Körperhaltung.
  3. VISUELLE AFFERENZ.
    • Sie ermöglicht eine bessere direkte Kontrolle der Umgebung, der Haltung des Kopfes und des Körpers in der Umgebung selbst, steuert die Geschwindigkeit und die Präzision der Bewegung, und trägt unter statischen Bedingungen zusammen mit den anderen Afferenzen zur Beibehaltung des Gleichgewichtes bei.
  4. AUDITIVE AFFERENZEN.
    • Sie ermöglichen die Lokalisierung von Tonquellen und tragen dazu bei, die Räumlichkeit der Umgebung nachzuvollziehen.
    • Die ZENTRALEN STRUKTUREN wirken untrennbar zusammen bei der Beschaffung und Abstimmung von peripheren Informationen und bei der Bestimmung der Ausgänge.


Sie setzen sich wie folgt zusammen:

  • Die HIRNRINDE agiert beim KOGNITIVEN ASPEKT der RÄUMLICHEN SENSIBILITÄT, dem BEWUSSTWERDEN DER BEWEGUNG und der STATISCHEN KÖRPERHALTUNG, sie nimmt Teil an der Ausarbeitung der passendsten Strategien für eine bestimmte Situation auf der Grundlage von gesammelten Erfahrungen (Feed-Forward-Mechanismen).
  • Das SUBKORTIKALE SYSTEM (EXTRAPYRAMIDAL) agiert bei der Kontrolle der Bewe-gungskoordinierung, bei REFLEXEN der KÖRPERHALTUNG und bei AUTOMATISCHEN BEWEGUNGEN.
  • Das KLEINHIRN stimmt die efferenten Antworten des OKULOMOTORISCHEN VESTIBULUM und des SPINALEN VESTIBULUM ab. Es kontrolliert die Tätigkeit der agonistischen und antagonistischen Muskeln sowie der SAKKADISCHEN OKULAREN BEWEGUNGEN und der langsamen Verfolgung.

BEREICH DER GRUNDHALSWIRBEL

  • Atlas und epistrofeo müssen den Lauf der Halswirbelarterie verwalten, der auf ihrem Niveau durch zwei Endkurven führt, bevor sie im grundlegenden Stammrumpf zusammenlaufen und sich vereinen

Neurokybernetik der Körperhaltung – Dr. O. Ludwig, Prof. Dr. Ed. Schmitt

Vorbemerkung
Die Diskussion um Haltungsschwächen, gerade bei Kindern und Jugendlichen, ist geprägt von einer orthopädisch-mechanischen Sichtweise. Anlehnend an die Haltungstypen nach Staffel (1889) beurteilt die Orthopädie Körperhaltung in der Regel als das Ergebnis einer statischen Momentaufnahme. Dadurch ergibt sich zwangsläufig ein großes Problem: während sich pathologische Fehlstellungen meist eindeutig benennen lassen, ist der Übergang zwischen der „normalen“ Haltung und der Haltungsschwäche nicht klar abgegrenzt. Einerseits sind Normwerte für die Körperhaltung nicht klar definiert (Wydra 2004), so dass die Einschätzung einer Haltungsposition zwischen verschiedenen Fachärzten oft erheblich differiert, andererseits ist der Therapiebedarf von Haltungsschwächen umstritten.

Körperhaltung mechanisch betrachtet
Die Ursache für die Schwierigkeiten liegt in einer rein mechanischen Betrachtungsweise der Körperhaltung, die von einem statischen Gleichgewicht ausgeht. Vereinfacht dargestellt sieht die Mechanik den menschlichen Körper lediglich als einzelne Elemente (Beine, Becken, Rumpf mit Ar-men und Kopf), die übereinander gestapelt sind wie Bauklötzchen und so „verschoben“ werden müssen, dass der Gesamtkörper steht (Abb. 1a). Ein wenig komplizierter wird die Betrachtung, wenn die Beweglichkeit einzelner Elemente zugelassen wird. Dann verspannen Muskeln und Sehnen den Knochenapparat, so dass das Gesamtgebilde immer noch im (statischen!) Gleichgewicht bleibt.

Dieses Modell ist immer noch weit verbreitet, denn mit ihm lassen sich Haltungsschwächen auf einfache und plausible Weise erklären. Dabei wird das Becken als eine Wippe angesehen, auf dem die Lendenwirbelsäule auflagert und das auf den Oberschenkelknochen ruht. Dieses labile Gleichgewicht wird durch antagonistisch arbeitende Muskelgruppen aufrecht erhalten. Zum einen ziehen die Gesäßmuskeln den hinteren Beckenanteil nach unten und bewirken damit eine Aufrichtung (Anhebung des vorderen Beckenkamms). Synergistisch wirkt die gerade Bauchmuskulatur, in dem sie die Vorderseite des Beckens nach oben zieht. Antagonistisch hingegen wirken die Hüftbeugemuskeln, insbesondere der Musculus iliopsoas (Kreuzdarmbeinmuskel). Um das Erklärungsmodell zu komplettieren, bedient man sich zusätzlich der Unterteilung der Muskulatur in die Kategorien der zur Verkürzung neigenden und zur Abschwächung neigenden Muskelgruppen. Diese vereinfachte Sichtweise und die Betrachtung eines „verkürzten“ Muskels als Folge einer veränderten Muskelmechanik wird mittlerweile kritisch hinterfragt. (Klee 1993).

Dennoch liefert dieses etablierte Modell eine einfache Erklärung für das Zustandekommen von Haltungsschwächen. Schwächt sich nämlich die Bauch- und Gesäßmuskulatur ab und verkürzt sich gleichzeitig der Hüftbeuger (zum Beispiel durch langes Sitzen), so kippt das Becken und mit ihm die Lendenwirbelsäule nach vorne. Da der Körper den oberen Rumpf aufrichtet, entsteht so das typische Hohlkreuz bzw. der Hohlrundrücken (Abb.2) Entsprechend wird nach mechanischer Sicht auch oft therapiert. Aufbau der Bauch- und Glutaealmuskulatur, Dehnung der Hüftbeuger.

Körperhaltung unter dem Aspekt des Gleichgewichts
Den menschlichen Körper im Gleichgewicht zu halten, beinhaltet zwei Aspekte:

  1. das externe Gleichgewicht in Beziehung zur Umwelt: der Körper darf nicht umfallen.
  2. das interne Gleichgewicht der Körpersegmente zueinander: die Positionierung der Körpersegmente muss eine dauerhafte Überlastung verhindern.

Um den Unterschied zu verdeutlichen , hilft ein kurzer Blick in die Physik: ein Körper befindet sich dann im externen Gleichgewicht, wenn die Lotlinie durch seinen Körperschwerpunkt innerhalb der Unterstützungsfläche liegt.

Die Unterstützungsfläche ist im Normalfall die Fläche zwischen den beiden Fußsohlen ungefähr von der Größe eines DIN A3-Blattes. Der Körperschwerpunkt ist etwa in der Höhe des Bauchnabels lokalisiert, das Lot hierdurch trifft die Unterstützungsfläche fast mittig im Bereich des Mittelfusses, liegt also vor den Knöcheln. Wie auch im-mer der Körper seine einzelnen Segmente (Rumpf, Arme und Kopf) ausrichtet: so lange der Körperschwerpunkt innerhalb der Unterstützungsfläche bleibt, fällt er nicht um. Lehnen wir den Rumpf nach vorne, so verhindern wir ein Umfallen , indem wir die Arme nach hinten strecken. Dadurch „ziehen“ wir den Körperschwerpunkt ebenfalls wieder nach hinten.

Dies impliziert eine wichtige Folgerung: von der Position des Körperschwerpunktlotes können wir keine Rückschlüsse ziehen auf die Ausrichtung der Körpersegmente zueinander. (Duysens et al. 2000).

Dies führt uns zum internen Gleichgewicht: wenn es beliebig viele interne Möglichkeiten gibt, um das externe Gleichgewicht zu halten (also ein Umfallen zu verhindern), dann stellt sich die Frage, welche davon unser Zentralnervensystem präferiert. Damit sind wir im Bereich der Haltungsschwäche angelangt. Zweifelsohne handelt es sich dabei nicht um eine Störung des externen Gleichgewichts, vielmehr ist die Ausrichtung der Körpersegmente so verschoben, das eine Störung des internen Gleichgewichtes zu vermuten wäre. Im biologischen Sinne bedeutet dies: jede biologische Struktur, sei dies ein Gelenk, eine Sehne oder ein Muskel, ist mechanisch oder funktionell für ein Belastungsoptimum ausgelegt. Im Laufe der körperlichen Entwicklung passt sich die Struktur der Knochen über ein System aus Knochenbälkchen beispielsweise an die Hauptbelastungsrichtung an. Gehen wir davon aus, dass der Körper bestrebt ist, dieses Belastungsoptimum beizubehalten, so hätten wir ein Kriterium, nach dem das Zentralnervensystem (ZNS) ein internes Gleichgewicht aufrecht zu erhalten versucht. Störungen der optimalen Belastung einer Struktur (z.B. einer Gelenkflä-che) durch eine Störung des internen Gleichgewichtes (z.B. durch eine Hohlkreuzposition der LWS) führen zu einer dauerhaften Überlastung der Struktur (z.B. verstärkte einseitige Abnutzung des Gelenkknorpels) und irgendwann zu Beschwerden.

Besonders bedeutsam ist dies im Kindes- und Jugendalter, da zu befürchten ist, dass die Anpassung der plastischen Strukturen, wie der Bälkchenkonstruktion im Röhrenknochen, durch eine ungünstige Positionierung der Körpersegmente nicht optimal sein wird.
Welche „Optimierungsstrategien“ das ZNS nutzt, um Körperhaltung und Bewegung zu regeln, ist bislang nicht endgültig wissenschaftlich geklärt (Allum et al. 1998).

Körperhaltung in der rein mechanischen Sichtweise wird meistens als starres Endergebnis einer Ausrichtung von internem und externem Gleichgewicht angenommen. Entsprechend wird die Haltungsdiagnostik auch meistens anhand einer Momentaufnahme des menschlichen Körpers durchgeführt. Allerdings ist die menschliche Haltung nur bei tiefer Bewusstlosigkeit unverändert – ansonsten ist die Körperhaltung das momentane Ergebnis einer ständigen Bewegung. Ein kurzer Rückblick in die Mechanik macht auch klar, warum: unser Körper mit seinem hoch liegenden Schwerpunkt befindet sich ständig im labilen (Un-)Gleichgewicht. Hinzu kommt, dass unsere Körpersegmente sehr beweglich aufgebaut sind und daher das ZNS ständig zwei Aufgaben im Stehen zu erfüllen hat:

  1. zu verhindert, dass unser Körper in sich zusammensackt (also das interne Gleichgewicht aufrecht zu erhalten)
  2. zu verhindern, dass unser Körper umkippt (also das externe Gleichgewicht zu garantieren)

Um diese Aufgaben zu erfüllen, sind die verarbeitenden Instanzen im ZNS auf sensorische Rückmeldungen angewiesen.

Sensorik der Haltungsregelung

Tiefensensibilität
Schließen wir die Augen, so haben wir dennoch einen klaren Zustand von der Position unseres Körpers. Wir wissen ob die Arme angewinkelt sind oder frei baumeln, wir fühlen, ob der Oberkörper vor- oder rückgeneigt ist. Diese Informationen erhält unser Gehirn aus Sinneszellen im Bereich der Gelenke, Muskeln und Sehnen. Diese sensorische Information fasst man unter dem Begriff der Propriozeption oder Tiefensensibilität zusammen.

In den Muskeln melden die Muskelspindeln den Verkürzungszustand der Muskulatur an das ZNS zurück. In den Sehnenansätzen messen die Golgi-Sehnenorgane die Spannung in der Sehne und verhindern über Reflexe beispielsweise eine Überlastung der Sehne. Beide Rezeptotypen zusammen liefern damit Information über die Kraft, die ein Muskel entfaltet.

In den Gelenkkapseln befinden sich korpuskuläre Sinneszellen und freie Nervenendigungen. Wird durch eine Bewegung im Gelenk die Gelenkkapsel gedehnt oder gestaucht, so erhält das Gehirn nicht nur Information über die Stellung des Gelenkes, sondern auch über die Geschwindigkeit der Bewegung. Allein das Kniegelenk enthält etwa 1200 korpuskuläre Rezeptoren und freie Nervenendigungen (Schmidt 1985).

Die propriozeptiven Informationen dienen also vor allem dazu, dem ZNS die notwendigen Informationen zu liefern, die benötigt werden, um das interne Gleichgewicht zu garantieren (Allum et al. 1998)

Mechanorezeption
Vor allem druckempfindliche Sinneszellen in der Fusssohle liefern wesentliche Information über die Verteilung des Druckes und damit indirekt auch über die Verlagerung des Körperschwerpunktes nach vor-ne oder hinten. Dies sind vor allem Pacini-, Ruffini- und Meissner-Körperchen, die Druck und Druckänderungen wahrnehmen. Auf diese Weise erhält das ZNS Informationen, die zur Aufrechterhaltung des externen Gleichgewichts wichtig sind, da erfasst werden kann, wann der Körperschwerpunkt droht, die Unterstützungsfläche zu verlassen.

Gleichgewichtsorgan
Das im Innenohr lokalisierte Vestibularorgan besteht aus einer dreidimensionalen Bogengangstruktur, die mit einer Flüssigkeit gefüllt ist. In jedem Bogengang ist ein so genanntes Maculaorgan eingebettet, das den Verlauf der Schwerkraft und damit die Ausrichtung ges Kopfes im Raum messen kann. Ebenso können Drehbewegungen des Kopfes wahrgenommen werden, weil die in den Bogengängen enthaltene Flüssigkeit träge ist und der Kopfdrehung nur langsam zeitverzögert folgt. Die Maculaorgane erlauben es dem ZNS, die Position des Kopfes im Bezug zum Boden exakt zu messen.

Betrachten wir die Information des Gleichgewichtsorganes, so fällt ein Manko auf: wenn wir den Kopf zur Seite neigen, so werden die Sinnesrezeptoren diese Stellung dem ZNS mitteilen. Beugen wir stattdessen den Oberkörper komplett zur Seite, so geben die Gleichgewichtsrezeptoren die genau gleiche Information, weil die Kopfposition dieselbe ist (Abb.5). Damit das ZNS beide Zustände voneinander unterscheiden kann, wird die propriozeptive Information aus der Halsmuskulatur und den Halswirbelgelenken hinzugezogen. Erst dadurch wird es möglich, beide Positionsvarianten eindeutig voneinander zu unterscheiden. Die korrekte Funktion unseres Gleichgewichtsorganes ist also an die korrekte Funktion der Rezeptoren in Halsmuskeln und – gelenken gebunden. Dem entsprechend wirken pathologische Tonusänderungen in diesen Muskelbereichen und Blockaden in den Halswirbelgelenken auch auf die Verarbeitung der Haltungsinformationen ein und können die Körperhaltung beeinflussen.

Integration der Systeme
Die sensorische Information der Propriozeptoren, Mechanorezeptoren und des Vestibularorgans laufen über afferente (zuführende) Nervenfasern zum Hirnstamm. Oberhalb des Hirnstammes liegen die motorischen Zentren der Basalganglien und des Motorcortex (Abb.6), die über Nervenstränge miteinander verbunden sind (Atwood & MacKay 1994). Mit dem Hirnstamm sind ebenfalls afferente und efferente Nervenfasern des Kleinhirns verbunden. Durch Ausschaltversuche weiß man heute, dass die unbewusste Körperhaltung vor allem durch Halte- und Stellreflexe in den motorischen Zentren des Hirnstammes geregelt wird (Dimitrijevic et al.2000. Allum et al 1998). Die übergeordneten ( „supraspinalen“) Hirnzentren modulieren diese Regelsysteme jedoch. Beispielsweise senden die motorischen Zentren im Cortex immer dann, wenn eine bewusste Bewegung geplant wird, einen „Durchschlag“ dieser efferenten Anweisungen (die die Muskulatur steuern soll) an die Zentren, die die Körperhaltung regeln. Diese „Efferenzkopie“ erlaubt es den Halte-Zentren vorherzuplanen, welche Änderung der Statik in Kürze auftreten wird und folglich die Aktivität der Haltemuskulatur entsprechend zeitgleich zu verändern (Schmidt 1985).

Das Stammhirn hat eine wichtige Funktion, nämlich die Filterung der eintreffenden Signale aus der Peripherie. Einem Signal-Input von einer Milliarde Bits pro Sekunde durch die Rezeptoren der Tiefensensibilität, des Auges, der Haut und des Ohres steht ein Signal-Output von nur 10 Millio-nen Bits pro Sekunde (Motorik und Sprache) gegenüber. Bewusstes Wahrnehmen verarbeitet sogar nur 150 Bit pro Sekunde (Loosch 1999). Dies bedeutet das ein großer Teil der sensorischen Information vorverarbeitet und gefiltert wird.

Optischer Sinn
Bei der Betrachtung der für das Aufrechterhalten und Regulieren der Körperhaltung notwendigen Sinnesreize wird der optische Sinn in seiner Bedeutung oft unterschätzt. Tatsächlich hat er aber in unserer Alltagswelt einen hohen Stellenwert. Psychologie und Physiologie unterscheiden dabei zwei visuelle Systeme: Das focale Sehen, das mit bewusster Wahrnehmung (z.B. von Formen, Gesichtern etc.) gekoppelt ist und das ambiente Sehen, das unterbewusst verarbeitet wird und der motorischen Kontrolle dient (Loosch 1999). Gerade bei Gleichgewichtsbewegungen stellt das ambiente visuelle System einen „schnellen Kanal“ zur Verfügung, der am Bewusstsein vorbeigeleitet wird. Dieses System spricht vor allem auf Änderungen im optischen Fluss an (sozusagen auf Verschiebungen des Bildes auf der Netzhaut) man kann binnen 100 Millisekunden eine Reaktion in der Haltemotorik bewirken (Prentice & Drew 2001).

Körperhaltung neurologisch betrachtet
Die Betrachtung der neurologischen Verschaltung macht klar, dass Körperhaltung stets das aktive Produkt einer genau geregelten Muskelaktivität ist (Dietz 1996). Wir sprechen in diesem Zusammenhang von neurokybernetischen Prozessen. Abweichungen der Körperhaltungen treten stets auf, weil wir uns in einem labilen Gleichgewichtszustand befinden. Eine minimale Änderung des Tonus eines haltungsbeeinflussenden Muskels wird automatisch die Lage des Körperschwerpunktes ändern und damit auch die sensorischen Informationen der Propriozeptoren (Duysens et al. 2000, Patla et al. 1999). Die motorischen Zentren im Hirnstamm reagieren darauf direkt mit einem Korrekturprogramm, das aus Tonuserhöhung bzw. Tonusverminderung einzelner Haltemuskeln besteht. So pendeln wir stets labil um einen Gleichgewichtszustand. Abb. 7 zeigt , das unser Körperschwerpunkt auch bei bewusst ruhigem Stand stets schwankt.

Haltung ist also mitnichten ein statischer Zustand. Auch Haltungsschwächen lassen sich dem entsprechend nicht allein durch statische Untersuchungsmethoden bewerten.

Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Körperhaltung und koordinativen und Gleichgewichtsfähigkeiten zeigen eine deutliche Koppelung (Orosz 2003,Specht 2003, Ludwig et. al. 2003) . Dies verwundert nicht, denn sowohl das Aufrechterhalten einer „stabilen“ Körperhaltung als auch die Durchführung komplexer Bewegungsmuster erfordern die genaue Abstimmung einzelner Muskelgruppen aufeinander, also die Optimierung von motorischen Programmen; es greifen dieselben neuronalen Prinzipien.

Da die Zahl der Sinnesrezeptoren durch Üben und Trainieren nicht zunimmt, muss der eigentliche Lern und Optimierungsvorgang im zentralen Nervensystem stattfinden (Winter 1995). Es ist bekannt, das die interne Verschaltung im ZNS bei Lernvorgängen modifiziert wird. Dies ist ein wichtiger Aspekt: Die Summe der Eingangssignale aus den Sinneszellen ändert sich nicht, wohl aber ihre Verarbeitung im Hirnstamm. Der Anteil der zur Koordination von Bewegungen eingesetzten vielfältigen sensorischen Informationen kann jedoch durchaus variieren. Aus diesem Grund sind Gleichgewichtsfähigkeiten trainierbar: Die Verarbeitung der Signale aus dem Innenohr wird dabei optimiert und die motorischen Programme zur Haltungskorrektur, die sich daraus ableiteten, werden verbessert.

Die Psychologie geht von einer Dominanz unseres visuellen System bei der Bewältigung von Alltagsaufgaben aus. Unser typischer Tagesablauf ist durch Inaktivität geprägt, mit der Folge, dass der Anteil der propriozeptiven Signale, des Innenohrs und der Hautmechanorezeptoren an der Aufrechterhaltung der Körperhaltung abnimmt. Parallel dazu verstärken unsere täglichen Herausforderungen (Arbeiten am Computer, Autofahren, Fernsehen, Spielekonsolen) den Anteil der visuellen Information am Gesamtpotenzial der sensorischen Information: Die „Waage der sensorischen Information“ verlagert sich immer mehr zugunsten einer visuellen Dominanz und zuungunsten der propiozeptiven Anteile.

Im Bereich der Haltungsdiagnostik lässt sich dies gut belegen, indem die aktive Körperhaltung mit geöffneten und geschlossenen Augen verglichen wird. Abb. 8 zeigt eine Vergleichsanalyse mit dem Haltungsmesssystem CORPUS. Die zunächst stabile aktive Haltung des Jugendlichen führt sofort zu einer Vorverlagerung des kompletten Rumpfes, sobald die Augen geschlossen werden. In diesem Falle ist folgendes passiert: mit dem Wegfall der sensorischen Information aus dem visuellen ambienten System können zur Haltungsregelung nur noch die Eingangssignale der Propriozeption, der Hautmechanorezeptoren und des Vestibularorganes eingesetzt werden. Sind Defizite in der Vorverarbeitung dieser Information im Mittelhirn vorhanden, so droht die Körperhaltung instabil zu werden. Durch die Vorverlagerung des Rumpfes verschiebt sich der Körperschwerpunkt nach vorne und der Druck auf dem Vorfuß nimmt zu. Auf den verstärkten Druckreiz antworten die Mechanorezeptoren unter der Fußsohle mit einem starken Signal, das im Mittelhirn verarbeitet wird. Über diesen „Trick“ sorgt damit das ZNS für einen starken Input, um die Haltung zu stabilisieren und das externe Gleichgewicht zu garantieren (Abb. 9 zeigt dieses Denkmodell schematisch.)

Konsequenzen für die Haltungsbeurteilung
Haltungsschwächen sind – als Folgerung aus diesen Betrachtungen – daher nie als ein statisches Problem zu sehen. Sie treten auf, wenn das ZNS nicht in der Lage ist, aus der Vielzahl der eingehenden sensorischen Signale über eine korrekte Signalverarbeitung die adäquaten motorischen Programme zur Ansteuerung der Haltemuskulatur zu erstellen. Dabei sind Erklärungsmodelle wie schwache oder verkürzte Muskeln eigentlich untergeordnete Fragestellungen. Natürlich muss ein Muskel über eine ausreichende Zahl kontraktiler Proteinfilamente und ausreichende Energievorräte verfügen, um die notwendige Kraft erzeugen zu können, die zur Stabilisierung eines Körpersegmentes gebraucht wird. Dem entsprechend ist muskuläres Aufbautraining zur Haltungsschulung sinnvoll. Dennoch wird die Muskelkraft letztlich durch differenzierte Innervierung und Ansteuerung durch das ZNS erzeugt. Der potenziell stärkste Muskel nützt zur Haltungsregelung nichts, wenn er nicht zielgerichtet angesteuert wird. Analog muss auch das Modell des „verkürzten“ Muskels gesehen werden. Neben der anatomischen Komponente (z.B. Titin-Moleküle, welche einen mechanischen Beitrag zur Verkürzung leisten), muss auch die neurophysiologische Komponente betrachtet werden (Tonuserhöhung führt zur scheinbaren Verkürzung).

Haltungsanalyse kann und muss demnach nach unserer Sicht zwei Komponenten enthalten:

1.Betrachtung der anatomisch-mechanischen Komponente und der Muskelkraft (statischer Anteil)
Als Beispiel hierfür sei neben der Analyse der Rückenform der Matthiass Test genannt (Matthiass, 1966). Die Verlagerung des Körperschwerpunktes zur Aufrechterhaltung des externen Gleichgewichtes führt zu einer starken Änderung des internen Gleichgewichtes, also zur Verschiebung von Körpersegmenten gegeneinander (Rückverlagerung des Rumpfes, Abb. 10).

Der Matthiass-Test kann, da er über einen Zeitraum von 60 Sekunden ausgeführt wird, eine Aussage darüber erlauben, ob die Kraft der Rumpfmuskulatur ausreicht, den Körper aktiv in der Ausgangsposition zu halten. Ein Rückschluss auf isolierte Muskeln ist hingegen nicht möglich. Zur muskulären Ermüdung kommt noch die neuronale Ermüdung hinzu, so dass auch der Aussagegehalt dieses Testes durchaus kritisch gesehen wird (Winchenbach 2003, Klee 1996)

2.Betrachtung der neurologisch-regulativen Komponente (dynamischer Anteil)
Hierfür schlagen wir einen Vergleich der aktiven Haltung mit geöffneten und geschlossenen Augen vor. Durch das Einnehmen einer aktiven Haltung wird die Körperposition zunächst bewusst geregelt. Zur Haltungskorrektur werden, wie oben dargestellt, zusätzlich zur Tiefensensibilität die Signale des ambienten visuellen Systems eingesetzt. Schließt der Proband nun die Augen, so ist – bei Defiziten in der propriozeptiven Signalverarbeitung – ein Haltungsverfall zu beobachten (Abb. 11)

Dieser lässt sich mit digitaler Haltungsanalyse (z.B. CORPUS-System) objektivieren. In diesem Fall kann eine Störung der Haltungsregelung, bzw. eine Dominanz des visuellen Systems diagnostiziert werden. Die zur neurokybernetischen Regelung der Körperposition verwendeten sensorischen Informationen stammen dann vorwiegend aus dem visuellen System, während tiefensensible afferente Signale nur einen untergeordneten Beitrag leisten. Fällt die optische Information nun weg, so sind die reduzierten und vorgefilterten propriozeptiven Informationen für ein Aufrechthalten der Körperposition nicht ausreichend. Der therapeutische Ansatz zielt in diesem Fall klar auf eine Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeiten und ein Training der Körpereigenwahrnehmung. Ein reines Training der Muskelkraft und eine Verbesserung der Dehnbarkeit würde in diesem Fall ins Leere zielen, da die Ansteuerung der Haltemuskulatur defizitär ist.

Kann ein Proband eine aktive Körperhaltung nicht bewusst einnehmen, so ist dies zunächst kein Hinweis auf eine zu schwache Muskulatur, sondern auf ein Defizit in der Körperwahrnehmung. Er kann Teile der Haltemuskulatur nicht bewusst ansteuern, weil seine motorischen Programm unzureichend sind. Auffällig ist, das auch in solchen Fällen eine Haltungsaufrichtung oft möglich wird, wenn ein zusätzlicher optischer Reiz in Form einer visuellen Rückkopplung geboten wird (Der Proband sieht sich im Halbspiegel oder im Monitor). Dadurch wird das fokale visuelle System stimuliert und damit wiederum der Eingangsreiz verstärkt. Um Haltungsschwächen daher ganzheitlich zu betrachten, schlagen wir eine zweistufige Diagnostik vor, die orthopädische und neurologische Prinzipien integriert (Abb. 12).

Zusammenfassung
Körperhaltung ist das Ergebnis eines Regelungsvorgangs durch das ZNS. Sie ist niemals statisch, sondern besteht immer in einem dynamischen Gleichgewicht. Der Körper ist bemüht, das externe Gleichgewicht zu halten und verändert dazu interne Gleichgewichtszustände. Labile interne Gleichgewichtszustände sind durch das Verlagern von Körpersegmenten gegeneinander definiert, die sich in orthopädischen Defiziten manifestieren können (Hohlrücken, Rundrücken, Beckenkippen etc.) und für die Medizin Überlastungsphänomene postuliert (muskuläre Überlastung, Gelenkverschleiß). Ob und in welcher Form der Körper Haltepositionen aufrechterhalten kann, hängt nicht nur vom muskulären Potential (Kraftvermögen, E-nergiereserven) ab, sondern primär von der neuronalen Ansteuerung haltungsrelevanter Muskelgruppen in Form motorischer Programme. Diese sind weitgehend im Mittelhirn realisiert und abhängig von sensorischer Information aus Haut, Muskeln, Sehnen, Gelenken und dem Gleichgewichtsorgan. Hinzu kommen Informationen aus dem visuellen ambienten System.

Bei Defiziten in der neuronalen Informationsverarbeitung können Körperpositionen nicht eingenommen bzw. nicht gehalten werden. Um den Anteil visueller Information an der Haltungsregelung zu beurteilen, wird ein zweistufiger Vergleichstest mit geöffneten und geschlossenen Augen empfohlen.

Autoren:
Dr. rer. nat. Oliver Ludwig:
Diplom-Biologe mit Arbeitsschwerpunkt Haltungs- und Bewegungsanalysen.
Wissenschaftlicher Leiter der Aktion „Kid-Check“- Haltungsuntersuchungen
an Kindern und Jugendlichen

Prof. Dr. med. Eduard Schmitt:
Leitender Oberarzt der orthopädischen Poliklinik Homburg,
medizinischer Leiter der Aktion „Kid-Check“- Haltungsuntersuchungen
an Kindern und Jugendlichen.
Korrespondenzadresse:
Dr. rer. nat. Oliver Ludwig
Niederbexbacherstr. 36
66539 Neunkirchen
o.ludwig@rz.uni-sb.de

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Störungen des Sehorgans verursachen Kopfschmerzen und Haltungsfehler – Prof. Dr. Bortolin und Dr. Carniel, Italien

EINFÜHRUNG
Häufiger als Augenärzte gemeinhin denken sind Kopfschmerzen auf Störungen des Sehorgans zurückzuführen. Dies ist das Ergebnis einer mehrjährigen Follow up-Studie an über 7.500 Patienten mit Kopfschmerzen, Migräne und zerviko-dorsalen Haltungsstörungen.

BEGRENZTE AUGAPFELBEWEGLICHKEIT UND OKULO-ZEPHALOGYRIE
Die begrenzte Beweglichkeit des Augapfels hat im engeren Sinn nichts mit dem Sehen als solchem zu tun: Sie betrifft die Mobilität des Augapfels bei der physiologischen Konvergenz für das beidäugige Sehen.

Die Augapfelbeweglichkeit hängt von sechs Muskeln ab:

  • Vier Mm. recti für die Vertikal- und Seitwärtsbewegung,
  • Zwei Mm. obliqui für die Komplementärbewegungen, die in gewissem Ausmaß auch die Rollbewegung bewirken.

Es besteht aber eine anatomisch physiologische Beziehung zwischen den Nervenkernen der Augapfelbewegung (III., IV. und VI. Hirnnerv), die die extrinsische Muskulatur des Augapfels innervieren und den Nervenkernen des Nervus accessorius spinale (XI. Hirnnerv), der den Musculus sternocleidomastoideus und den Musculus trapezius innerviert, die beide der Bewegung des Kopfes dienen.

Die Rotation des Kopfes erfolgt insbesondere aufgrund der Kontraktion des M. sternocleidomastoideus. Der M. trapezius dagegen hat eine eher „sensierende“ Rolle, also der Koordinierung und Anpassung.

Die Area kortikalis der Kopfbewegung befindet sich am Fuß der zweiten Frontalwindung (Brodmann Feld 6).

Daraus ergibt sich, dass gestörte sensorische visuelle Afferenzen bei Patienten mit Sehstörungen sowohl Harmonie als auch Automatismus der reaktiven und unbewussten Blick- und Kopfbewegungen beeinträchtigen und Haltungsschäden verursachen.

Der Patient hat unbewusst das Bedürfnis, den Kopf in die für ein besseres Sehen geeignete Stellung zu bringen, die ihn am wenigsten ermüdet. Dadurch kommt es zu Dysbalancen der oberen Halswirbelsäule und zu „Schonhaltungen“ der Nackenmuskulatur.

DIE BEIDEN SEHSYSTEME
Die beiden Gehirnhemisphären sind weder genau symmetrisch, noch haben sie die gleiche Funktion. Vielmehr ergänzen sie einander. Auch das Sehsystem verlangt jedem Auge spezielle Funktionen ab.

A – DAS „LEITAUGE“
– ist das „bevorzugte“ Auge:

Dieses Auge

  • entspricht im Regelfall der kortikalen Lateralität des Menschen,
  • sein neurosensitives System ist praktisch ausschließlich auf die Macula der Netzhaut begrenzt, in der die Zapfen überwiegen und
  • sein Rezeptionskortex ist die Fissura calcarina an der Innenseite des Hinterhauptlappens.

Es ist dies das sehende Auge, das die Synthese der verschiedenen photonischen Elemente durchführt, deren Intensität und Wellenlänge (also die Farbe) erkennt. Der Kortex beurteilt, vergleicht, interpretiert und speichert.

Es handelt sich also um das Organ des Sehsinns im Wortsinn.
Die langjährige einschlägige klinische Erfahrung hat uns gelehrt, dass

  • physiologisch jenes Auge zum Leitauge wird, das über die bessere Sehkraft verfügt;
  • pathologisch dagegen jenes Auge zum Leitauge wird, das Haltungsfehler leichter kompensiert.


B DAS „HILFSAUGE“
– ist das „stereognosische“ Auge.

  • Die Rezeption der photonischen Elemente erfolgt vor allem auf der peripheren Netzhaut, wo die Stäbchen überwiegen.
  • Diese Rezeptoren haben zwar den „Auftrag“, die Farben wahrzunehmen, sind jedoch für die Wahrnehmung, die Lokalisierung und die Kontrolle von Raum und Bewegung zuständig.

Um dieses Programm besser zu verwirklichen, sind die Temporalfasern homolateral, während die Nasalfasern kreuzen.

Auch der Verlauf der Axone ist bedeutsam: Sie gelangen in den Pulvinar thalami, wo sie mit dem retikulären System der Nuclei intralaminitalamici zusammentreffen. (Dies erklärt sehr gut die biotischen Energiereaktionen, die das „Hilfsauge“ übermittelt.) Vom Pulvinar verlaufen die Axone zu den Areae visuognosicae parastriate (Hirnrindenfelder 18 und 19 nach Brodmann).

Das Hilfsauge:

  • erfasst durch die Augenwinkel den Raum, in dem sich die Person befindet;
  • dank seines kinetischen Unterscheidungsvermögens „benachrichtigt“ es den Menschen automatisch und reflektorisch über alles, was sich im Raum bewegt;
  • durch die terminale Synthese versetzt es die Hinterhauptrinde „in Alarmbereitschaft“ und damit in die Lage, alle Veränderungen in ihrem Umfeld aufzunehmen;
  • es ist das eigentliche Zentrum der kinetischen Sinneswahrnehmung.

Die Aktivität beider Augen ermöglicht das Erfassen der Objekte und des Abstandes zwischen ihnen.

Jeder Mensch weist eine individuelle Lateralität der Augen auf. Bei einem Auge herrscht daher die Macula vor, beim anderen die periphere Netzhaut.

Der einäugige bzw. schielende Patient passt sich relativ leicht an die beiden Sehweisen an, indem er mit dem gesunden Auge zwischen Macula und peripherer Netzhaut oder beiden gleichzeitig alterniert.

Der Lateralitätswechsel der Augen beim gesunden Patienten bedingt ernste Anpassungsprobleme, wo Störungen auftreten, die von der Asthenopie bis zur Dyslexie, von Lernschwierigkeiten bis zu den hier besprochenen Kopfschmerzen reichen können.

ÄTIOPATOGENESE

Refraktionsanomalien.
Hyperopie.

Bei der Hyperopie ist der anteroposteriore Durchmesser des Augapfels zu kurz. Auf der Netzhaut bildet sich daher ein konfuses Bild.

  • Bei Kindern und jungen Menschen kann die Hyperopie durch den Ziliarmuskel, also durch die Akkommodation, vollkommen korrigiert werden.
  • Beim Erwachsenen kann die Hyperopie von anderen Faktoren verstärkt werden, wie etwa einer fortschreitenden Verringerung der Akkommodationsreserve, da die Akkommodation ab etwa vierzig Jahren mit dem Auftreten der Presbyopie für eine gute Nahsicht nicht mehr ausreicht. Auch in diesem Fall übt der Astigmatismus einen negativen Einfluss aus.

Myopie
Die häufigste Form der Kurzsichtigkeit wird durch eine überdurchschnittliche antero-posteriore Länge des Augapfels verursacht (Achsenmyopie).

Die Myopie des Schulalters ist gutartig. Sie stabilisiert sich mit Ende des Körperwachstums. Zu Problemen kommt es, wenn zur Kurzsichtigkeit ein (auch nur geringfügiger) Astigmatismus oder eine erhebliche Refraktionsdifferenz zwischen den beiden Augen hinzukommt (Anisometrie).

Die schwere Myopie ist oft von weitaus schlimmeren Komplikationen begleitet, weshalb sie ständiger augenärztlicher Kontrolle bedarf.

Astigmatismus
ist ein Refraktionsfehler, der durch eine ungleichmäßige Krümmung der Hornhaut oder des Kristallins verursacht wird. Statt um ein Kugelsegment, bei dem die Meridiane denselben Krümmungsradius besitzen, handelt es sich um eine torusförmige Oberfläche, bei der Kurvenradien und Brechkraft unterschiedlich sind und daher auch der Brennpunkt im Bezug zur Netzhaut ein anderer ist.

So kann ein geringfügiger Astigmatismus schwerste Neuralgien und Haltungsfehler hervorrufen.

Die schrägen Abweichungen der Sehachse und die Asymmetrien zwischen den beiden Sehachsen (67% der Kopfschmerzen bei der persönlichen Untersuchung von Bortolin), die durch eine laterale Dreh-Neigung des Kopfes kompensiert wurden, verursachen nicht nur Neuralgien sondern auch „Strukturprobleme“ (Hals- und Kopftorsion, Schiefhals usw.), die langfristig zu Skoliosen und Arthrosen in unterschiedlichen Wirbelsäulensegmenten führen.

Der Grad des Astigmatismus ist nur beschränkt relevant. Bei Auftreten von Kopfschmerzen oder Haltungsfehlern muss auch die leichteste Form des Astigmatismus korrigiert werden.

DER BORTOLIN-TEST
Mit diesem Test können Interferenzen zwischen Astigmatismus und Haltung festgestellt werden

Mit diesem Test, der den Vorteil hat, leicht durchführbar zu sein, lässt sich bei Sehstörungen im Allgemeinen und Astigmatismus im Besonderen feststellen, mit welcher Kopfhaltung der Patient versucht, den Brechungsfehler auszugleichen, um eine subjektiv optimale Sehschärfe zu erreichen. Der Test kann als schulmedizinisches Screening oder in Schulen angewandt werden. Natürlich ersetzt er weder die augenärztliche, noch die orthoptische und optometrische Untersuchung, die im Falle eines positiven Testergebnisses unbedingt durchzuführen sind. Der Patient wird gebeten, zuerst mit offenen Augen (bei Brillenträgern muss der Test mit und ohne Brille durchgeführt werden) und dann mit je einem verdeckten Auge anzugeben, welche Gruppe oder Gruppen von Linien er „schwärzer“, deutlicher und schärfer sieht.

Der Kopf muss dabei immer in der spontanen, vom Patienten üblicherweise eingenommenen Position bleiben.

Der Prüfer dreht nun die Zeichnung um 90° (dadurch verlaufen die vorher vertikalen Linien nunmehr horizontal und umgekehrt) und stellt die gleiche Frage.

Anschließend bittet er ihn, den Kopf so zu halten, dass er die gleichen Gruppen scharf sieht; der Prüfer beobachtet dabei lediglich alle Kopfbewegungen.

Hierdurch können eventuelle Bewegungseinschränkungen erkannt werden; häufig tritt dabei der Schmerz auf, den der Patient genau lokalisieren kann.

Dadurch

  1. lässt sich die Interferenz zwischen Sehstörung und Haltung global bewerten;
  2. kann der Arzt beurteilen, ob die Haltungsprobleme des Patienten auf Sehstörungen zurückzuführen sind oder nicht;
  3. lässt sich feststellen
    – ob der Patient die Sehstörung ohne Schmerzen kompensieren kann,
    – oder ob vielmehr eine segmentäre Wirbelsäulenpathologie (mit schmerzhafter Kontraktur) es dem Patienten erschwert oder ihn daran hindert, jene Haltung einzunehmen, die seine sensitive Störung teilweise kompensiert. Ist die Kompensation nicht möglich, kann dies bereits früher existierende Sehstörungen ans Licht bringen, die jedoch silent waren, weil sie kompensiert wurden;
  4. lässt sich eine Wirbelsäulenpathologie erkennen, die – nach einer entsprechenden Behebung der Sehstörung – eine Normalisierung der Haltung verhindert;
  5. wird verständlich, warum eine geeignete Korrektur durch Linsen zuweilen Beschwerden verursacht, da sie auf eine Haltungsverbesserung abzielt, die jedoch aufgrund der „Blockade“ der Wirbelsäule nicht realisiert werden kann.

Es liegt also auf der Hand, dass primär ein allfälliges Wirbelproblem – sei dies Ursache oder Folge der Beschwerden – zu beheben ist, bevor der Patient an den Ophtalmologen überwiesen wird.

Nach der Wiederherstellung der propriozeptiven Fähigkeiten und möglicherweise einer Korrektur durch Linsen muss der Patient alle Gruppen von Linien nicht nur in der korrekten aufrechten Haltung, sondern in allen anderen Kopfhaltungen scharf sehen können, und zwar ohne Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen.

KRANKHEITSBILDER

Refraktionsanomalien und Heterophorien sind unmittelbar verantwortlich für ophtalmische und retroorbitale Neuralgien sowie fronto-orbitale Kopfschmerzen. Die okzipitalen Neuralgien, mit oder ohne Ausstrahlung in die Stirn, sind die Folge propriozeptiver die Sehfehler „kompensierender“ Störungen; sie betreffen die Nackenmuskulatur, die Musculi splenii von Kopf und Hals, den Musculus semispinalis capitis und die Musculi cefalogiri. Man kann auch die okzipitalen Projektionsfelder der Areae striatae und parastraiatae inkriminieren.

Okzipitale Neuralgie

Ein Syndrom das leicht prävalent bei Patientinnen auftritt. Mitunter mit den genannten Symptomen kombiniert tritt diese Form bei Heranwachsenden im Schulalter auf, kann aber auch jeden anderen befallen, der Sehstörungen hat.

SYMPTOMATIK

Die Symptomatik tritt erstmals im Schulalter auf. Erste Erscheinungsformen oder Verschlimmerungen stellen sich bei starkem „Sehstress“ ein: schriftliche und mündliche Prüfungen, Präzisionsarbeiten usw. Statistisch nimmt die Symptomatik mit dem Auftreten der Presbyopie zu: Im 40. / 45. Lebensjahr verlieren die Patienten zunehmend die Fähigkeit, Gegenstände auf dem Arbeitstisch oder am Monitor scharf zu sehen.

Der Spannungskopfschmerz, belastend, taub, neigt zur Bilateralität, nicht pulsierend. Ähnlich einem mechanischen Kopfschmerz, durch körperliche und geistige Anstrengung sowie Stress erschwert. Tritt überwiegend im Nacken auf, kann beidseitig ausstrahlen. Dieser Kopfschmerz kann unterschiedliche Schweregrade erreichen: von der moderaten, rekurrierenden Form als Reaktion auf vorübergehende Belastungen bis hin zu sehr schwerem und dauerhaft behinderndem Kopfschmerz.

Die Kopfschmerzen verschlimmern sich häufig durch schwere Migräneanfälle mit pulsierendem Schmerz und sind begleitet von intensiven Beeinträchtigungen (Übelkeit, Erbrechen, Gleichgewichtsstörungen, Schwindel usw.). Krisenformen die den Patienten während der REM-Phasen des paradoxen Schlafes nachts oder am frühen Morgen wecken, insbesondere am Wochenende.

Die paradoxe Asthenie am Morgen (der Patient berichtet, dass er sich beim Aufwachen müder fühlt als am Abend: der Schlaf ist nicht erholsam) oder eine schwere Asthenie mit Negativfolgen für die geistige oder körperliche Tätigkeit des Patienten.

Dies sind Zustände retikulärer Dekompensation.

Die Probleme des Gesichtssinns sind im allgemeinen milder und bestehen insbesondere in retro-orbitärer Schwereempfinden, leichte Heliophobie, Sehtrübung, Bindehautreizung, Augenjucken, rekurrierender Lidschlag, mitunter Schmerzen des Augapfels. Die Asthenopie, also die belastungsbedingten Augenbeschwerden, können mehr oder weniger ausgeprägt sein, sind aber immer präsent.

Objektivität des Gesichtssinns wird zu Unrecht als „paraphysiologisch“ angesehen. Ein begrenzter Verlust der Sehschärfe, leichte Refraktionsanomalien, ein Konvergenzdefizit oder (als Gegenteil) ein Konvergenzspasmus (als Funktionsstörungen) rechtfertigen vermutlich die genannten schweren Symptome nicht. (Siehe Abbildung 2)

Neurophysiologisch betrachtet werden diese Symptome begründet durch:

  • den Verlust der Lateralität des Sehens (Rollenwechsel zwischen Leit- und Hilfsauge, was unter anderem unterschiedliche kortikale Rezeption bedeutet). Dank dem Chiasma gelangen die visuellen Botschaften eines Auges zu beiden Hirnhälften. Sobald jedoch funktionelle oder organische Augenprobleme bestehen, fließen die Botschaften über unterschiedliche Kreise. Dies kann besonders bei Kindern zu Gedächtnisstörungen, Dyslexie, Dysgraphie und Dyspraxie führen;

  • die alterierten retikulären Afferenzen (Fasciculus longitudinalis mediale);
  • die Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus;
  • die Interferenzen mit dem ? Kreis und dem Tonus der intrinsischen und extrinsischen Augenmuskeln und der Haltung insgesamt;

diese führen als Konsequenz zu

  • Lid- und Blinzelkrämpfen (wenn die Linsen schlecht eingerichtet sind),
  • Akkomodations– und Gesichtskrämpfen sowie zur
  • Notwendigkeit eines Haltungsausgleichs (durch Spannung der Nackenmuskulatur und Verspannung der Halswirbelsäule).

Da es sich also einerseits um einen subliminalen Augendefekt im Rahmen eines umfassenden Krankheitsbildes handelt, das sich in der engen Korrelation von Gesichtssinn und Haltung äußert, und andererseits auch um die Lateralität der Augen und Gedächtnisabläufe, betrifft das Problem hauptsächlich Neurologen, Orthopäden und Naturheilärzte, kann allerdings keinesfalls auf die fachärztliche Unterstützung des Augenarztes verzichten.

HWS-TRAUMATA

Dieses Thema steht absichtlich am Ende des Kapitels, denn erst jetzt können die Folgen einer Unterbrechung des Haltungsgleichgewichts, die im Laufe der Zeit durch die Sinne entstanden sind, nachvollzogen werden. Kopfschmerzen und alle damit verbundenen Symptome, die sich nach Zerrungen und Stauchungen im Kopf- und Halswirbelbereich sowie nach Schleudertrauma einstellen, sind problematisch. Das Trauma kann (durch das Sehorgan verursachte) Kopfschmerzen bei zuvor unauffälligen Patienten hervorrufen oder auch vorher bestehende Kopfschmerzen verschlimmern.

Während der Anamnese berichtet der Patient, „nicht mehr so wie vorher“ sehen zu können, beim Lesen zu ermüden, benommen zu sein, doppelt zu sehen, Schmerzen im Hinterkopf und Nacken sowie im fronto-orbitalen Bereich zu haben, unter paradoxer Asthenie zu leiden…

Die mit dem traumatisierenden Ereignis zusammenhängenden Verspannungen und Schmerzen können den üblichen Haltungsausgleich eines zuvor klinisch silenten Refraktionsfehlers verhindern. Die auf das Trauma zurückzuführenden Muskelverspannungen können mit dem vertebro-basilären Kreis (Schwindel , Nausea, Übelkeit, Gleichgewichtsstörungen usw.) kollidieren, dann mit der Netzhaut (Störung des Schlaf-/Wachrhythmus, der Konvergenz und der Akkomodation) und mit der Kopf- und Augenbewegung (Neuralgien und Schiefhals) usw.. Ist das nicht logisch?

Die von uns vorgeschlagene Muskelrehabilitation und Segmenttherapie, die (auch bei Minimalabweichungen obligatorische) Korrektur des Refraktionsfehlers, die organspezifische homöopathische Behandlung (ARNICA +++) können der Schlussstrich unter einem jahrelangen Leidensweg sein.

Kopfschmerzen durch Störungen des Sehorgans haben – wie gezeigt wurde – zu viele Gemeinsamkeiten mit den von der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (IHS) als „Spannungskopfschmerzen“ klassifizierten. Sicherlich ist dies die häufigste Ursache.

THERAPIE

Die einzig wirksame ist die Kombination unserer Therapien (die als einzelne nur palliativ wirken können) mit den vom Augenarzt verschriebenen Linsen.

Es mag unlogisch erscheinen, einem Patienten die Korrektur eines leichten Astigmatismus bei einer natürlichen Sehschärfe > 10/10 anzutragen, die in manchen Fällen einige Tage lang Probleme bereitet. Handelt es sich um einen symptomatischen Patienten mit Haltungsstörungen sollte man nicht zögern. Im Gegenteil, man sollte ihm erklären, dass „gerade dank seines leichten Astigmatismus“ die Sinneswahrnehmung geändert und eine Korrektur der Haltung möglich ist.

Liegen bei einem Kind ein haltungsmäßiges Imprinting, eine Kompensation von Refraktionsfehlern oder Heterophorien vor, ist dies um so schneller behebbar, je früher die Therapie ansetzt.

Die Korrektur – das sei wiederholt – muss auch den geringsten Astigmatismus berücksichtigen. Das nicht durch den Gesichtssinn sondern durch retikuläre Störungen verursachte latente Schielen erfordert zuerst eine Bekämp-fung der Ursachen und dann eine endgültige Korrektur durch Linsen.

MANUELLE THERAPIE

Die beiden hier beschriebenen Techniken sind zur Schmerzlinderung erfolgreich und können von Patienten leicht erlernt werden:

  1. der “point ressort” des Musculus obliquus superior auf Höhe des Reflexionsringes. Das Radiergummi eines Bleistifts unter der Augenbraue im oberen inneren Winkel ansetzen. Das Gummi sanft auf das Os parietale der Gegenseite (vor allem) nach innen, (selbstverständlich) nach hinten und nach oben richten. Man „spürt“ sofort die Sehne, die mit einer schnellen, abrupten Bewegung senkrecht zu den Sehnenfasern „geschabt“ wird, d.h. in Richtung Nasenwurzel-Nasenspitze. Eine einzige Reibebewegung ist ausreichend;
  1. die orbitäre Manipulation. Der Patient befindet sich in Rückenlage. Mit dem Daumen wird der innere Orbitarand mobilisiert, während mit dem anderen Daumen Zugbewegungen auf der Gegenseite ausgeführt werden.

Die beiden Daumen des Therapeuten wirken gemeinsam im Atemrhythmus des Patienten und in entgegengesetzter Richtung bei den Mechanorezeptoren sowohl der Haut als auch des Periosts.

Diese Manipulationen müssen kombiniert werden sowohl mit Massagen im Hinterkopf-Atlas-Bereich als auch Atlas-zweiter Halswirbel sowie einer propriozeptiven Therapie der Nackenmuskulatur.

MYOTENSIVE THERAPIE

Die Dissektionen und die klassische Neurophysiologie lehren uns seit über 30 Jahren manuelle sog. „myotensive Techniken“. Diese nutzen den pathologischen Status der gezerrten Muskeln um das physiologische Gelenkspiel wieder herzustellen.

Die für den Bereich Atlas-Hinterkopf gezielte – und ungefährlichste – Technik ist die myotensive, auch als „zerviko-skapulare des Atlas“ bekannte . Unter den anatomischen Gegebenheiten bedient sie sich der segmentären Zerrungen der Miofibrillen des Musculus levator scapulae.

Die Einrichtung und Spannungsherstellung kombiniert

  • eine ZUGBEWEGUNG der Wirbelsäule,
  • eine zur Läsion GLEICHSINNIGE KOPFDREHUNG,
  • eine BEWUSSTE ANHEBUNG DER SCHULTER auf der Seite der Läsion.

Die Bewegungen werden so ausgeführt, dass der Zug und die Rotation der Wirbelsäule dann am größten sind, wenn der Patient die Schultern kraftvoll senkt.

MANIPULATION AM 2. HALSWIRBEL

Zur Behandlung von C2-Neuromer abhängigen Neuralgien setzen wir unsere MYOTENSIVE ZERVIKO-SKAPULARE TECHNIK FÜR DEN 2. HALSWIRBEL ein. Die Einrichtung und Spannungsherstellung kombiniert

  • eine ZUGBEWEGUNG der Wirbelsäule,
  • eine zur Läsion GLEICHSEITIGE ROTATION,
  • eine BEWUSSTE ANHEBUNG DER SCHULTER durch den Patienten.

Der ausgeübte Druck ist dann am größten, wenn der Patient die Schultern kraftvoll senkt.

Dieser Therapie muss eine angemessene Rehabilitation gegen Widerstand folgen, um das Spiel des Neocerebellums wieder anzuregen.

N.B. Jeder Manipulation hat immer eine Therapie gegen Widerstand für die propriozeptiven Elemente zu folgen, die die zur Schmerzsituation führenden Metamere betreffen.

Funktionell anatomische Gedanken zur Instabilität des Fußgelenkes – Dr. G.J. Kleinrensink, NL

Universitair HauptDozent (UHD), Abt. Neurowissenschaften – Anatomie
Erasmus MC Universitair Medisch Centrum Rotterdam

Die Anatomie ist in grosso modo einzuteilen in beschreibende Anatomie und angewandte Anatomie (darunter die funktionelle und die klinische Anatomie). Selbstverständlich stehen diese Begriffe nicht einzeln für sich. Beide sind relevant für den Begriff des Phänomens „Gelenkstabilität“ und das klinische Gegenstück „(chronische) Gelenk-Instabilität“.

Die Belastbarkeit der Gelenke wird im beträchtlichem Maße durch das (rechtzeitige) Anspannen der Muskulatur bestimmt. Diese Feder-Dämpfer-Systeme sind notwendig um die häufig große mechanische Belastung zu verarbeiten (f.a ). Das effiziente Funktionieren, was Cohen den arthrokinetischen Reflex* nannte ist hierbei Voraussetzung. Kenntnis der Strukturen, bezogen auf die Ereigni-ketten, spezifisch für jedes Gelenk, ist unerlässlich sowohl bei der Diagnose als auch bei der Therapie der Gelenkinstabilität. Bei eventuellen chirurgischen Eingriffen spielt dann die klinische oder chirurgische Anatomie eine leitende Rolle.

Im Falle der chronischen Instabilität des Fußgelenkes (chronisches Supinantionstrauma) dachte man , ausgehend von der beschreibenden Anatomie, lange an ein geschwächtes ligamentäres System als Ursache für die sich wiederholenden (manchmal mehrmals täglich) Traumamomente. Doch betrifft dies lediglich einen Teil dieser Verletzungen mit einem multikausalen Ursprung. Ausgehend von der angewandten Anatomie sollte viel eher an eine Kombination aller Teile des Gelenkes gedacht werden: Das Gefüge der knöchernen Gelenkteile, die Kapsel und Bänder und – nicht zuletzt – die Muskeln und die damit verbundene neuromuskuläre Integration.

Form (Architektur von subtalären und metatarsalen Gelenken) und Funktion (der arthrokinetische Reflex) sind unlösbar verbunden mit der Entstehung, Diagnose und Therapie vom (chronischen) Supinationstrauma.

  1. Cohen LA, Cohen ML. Arthrokinetic reflex of the
    knee. Am J Physiol 1956; 184:433437.

Worauf man beim Schuheinkauf achten sollte – I.ter Harmsel, W.P. Schallmey, Deutschland

Für die Schuhe, die wir tragen sollten, gilt der Fuß als Maß.

Unsere Füße tragen uns durchs Leben und wir sollten sie daher solange es geht fit und gesund erhalten, z.B.aktiv mit ausreichend Bewegung und Fußgymnastik. Passiv und auf Dauer schützen und unterstützen Schuhe unsere Füße.

Wichtig ist es, das sie passen, denn zu kurze oder zu weite Schuhe schädigen auf Dauer die Füße und die Folgeschäden können am ganzen Bewegungsapparat auftreten.

Im Schuh brauchen die Füße Raum vor den Zehen zur Bewegung, da sich die Zehen beim Abrollen nach vorne schieben. Wird das durch zu knapp sitzende Schuhe (auch Strümpfe) verhindert, werden die Zehen bei jeder Bewegung gestaucht. – auf Dauer die Hauptursache erworbener Fußschäden.

Der Schub der Zehen kann mit dem Streichholzschachteltest sichtbar gemacht werden. Hierfür legt man vor einem Fuß z.B. den linken eine Streichholzschachtel und lässt mit dem anderen Fuß einen Schritt nach vorne und wieder zurück machen. Dabei wird der linke Fuß nur bis in den Zehenstand gehoben. Durch diese Bewegung wird die Streichholzschachtel vor dem linken Fuß um den Schub nach vorne geschoben.

Deshalb heißt es:
Erste Faustregel:
Passende Schuhe müssen immer länger sein als der Fuß (ca. eine Daumenbreite) – und zwar vor den Zehen!

Schuhfachleute nennen das Stück, das der Schuh länger sein sollte als der Fuß (ca. eine Daumenbreite) Zugabe

Durch diese Längenzugabe ist es wichtig, das der Schuh an der breitesten Stelle des Vorfußes den erforderlichen Halt findet und nicht nach dem Prinzip „Schraubstock“ zwischen Zehen und Fersen gehalten wird.

Die Linie zwischen Außen- und Innenballen ist bei allen Füßen die breiteste Stelle – das Umfangmaß an dieser Stelle nennt man die Weite.

Bei gleich langen Füßen kann die Ballenbreite des Fußes und die Weite jedoch durchaus verschieden sein. Man spricht dann von schmalen, normalbreiten oder breiten Füßen. Obwohl beim Schuhkauf meist nur nach der Länge ausgesucht wird (z.B. Größe 39), spricht man davon, das die Schuhe weit ausfallen oder schmal, andere dagegen gut sitzen. Man spricht also meist nur indirekt von der Schuhweite, obwohl sie für den passenden Schuh von großer Bedeutung ist.

Vor allem bei Personen mit schmalen Füßen besteht die Gefahr, das sie sich zu kurze Schuhe kaufen. Viele Schuhe sind ihnen zu weit und sie rutschen beim Gehen mit den Zehen nach vorne in die Zugabe, während der Fuß hinten an der Ferse schlappt. Für die Füße wird dann verhängnisvollerweise eine kürzere Größe gewählt, da die weiten Schuhe als zu groß empfunden werden. Hier ist es wichtig bewusst zwischen notwendiger Länge und notwendiger Weite zu unterscheiden. Wird ein zu weiter Schuh durch Längenverkürzung angepasst, werden auf Dauer Fußschäden vorprogrammiert.

Deshalb:
Zweite Faustregel:
Ein zu weiter Schuh muss durch einen schmaleren Schuh ersetzt werden, nicht durch einen kürzeren Schuh.

Eine alte Schusterregel lautet „lieber länger und enger“. Dabei bezieht sich „enger“ auf die Schuhweite über der Ballenlinie, nicht der Schuhspitze. Sind die Schuhe zu weit, sind sie auch immer zu kurz. Ein zu kurzer Schuh schädigt die Füße, dabei ist es egal ob die Schuhspitze schlank zuläuft oder breit verrundet ist. Auch die sogenannten „Gesundheitsschuhe“ mit Naturform und Zehenspielraum zur Seite und nach oben schaden den Füßen, wenn sie nach vorn, vor den Zehen, nicht genügend Platz zum Abrollen lassen.

Unsere Füße sind unterschiedlich widerstandsfähig, aber in der Regel sehr robust. Sie nehmen uns einen einzelnen, nicht passenden Schuh nicht übel – solange er nicht tagein tagaus getragen wird. Hier gilt:

Dritte Faustregel:
Nicht der einzelne Schuh schadet. Fußschäden entstehen, wenn ständig zu kurze Schuhe getragen werden.

Es gibt einige Schuhtypen, die können im idealen Sinn nicht „passen“. Der passende Schuh muss im Bereich der Ballenlinie am Fuß gehalten werden. Schuhtypen, die im Spannbereich ausgeschnitten sind, müssen zu kurz getragen werden. Dazu gehören Pumps, Ballerinen und Slings, z.B. wenn sie tief ausgeschnitten sind. Diese Schuhtypen sollten nur stundenweise getragen werden (Faustregel 3), aber nicht auf „Dauer“ den ganzen Tag. Bei Herren gilt das für den tiefausgeschnittenen Slipper.

Fachleute erkennen zu weite Schuhe an der starken Querfaltung über der Ballenlinie. Diese Falten lassen das Leder selbst, oder die Nähte schnell brechen. Sind die Schuhe zu weit, gehen sie also schneller kaputt und sie sehen schneller verbraucht aus.

Bei Kinderfüßen sprechen die Mediziner von einer „relativen Schmerzunempfindlichkeit“. Anders als Erwachsene können Kinder daher keine sichere Auskunft geben ob der Schuh passt oder nicht. Auch der Daumendruck auf die Schuhspitze funktioniert bei Kindern nicht, daher sind sie besonders gefährdet zu kurze Schuhe zu tragen.
Als Hilfestellung gibt es das Kinderschuh-Servicesystem WMS mit einem Fußmessgerät und Schuhen, die in Längen und Weiten den WMS-Richtlinien folgen und entsprechend gekennzeichnet sind. Die Schuhe selbst können von unterschiedlichen Herstellern sein, wichtig ist es auf das WMS-Zeichen im Schuh und/oder am Karton zu achten.

Für Erwachsene gibt es sogenannte „Komfortschuhe“, auch hier gibt es eine Weitenauszeichnung. Hier folgen die Weitenangaben dem Alphabet von E bis K usw.. Hierbei sind die Weiten E, F und F ½ die schmalen Weiten, die Weiten von H aufwärts die breiten Weiten.

Bei Damenschuhen sollte man darauf achten, das der Raumbedarf vor den Zehen sich mit der Absatzhöhe verändert. Ist der Absatz erhöht, wird die Abrollbewegung verkürzt. Deshalb: Je höher der Absatz , desto geringer die notwendige Zugabe. Wenn die Schuhe sogenannte Negativabsätze haben, ist umgekehrt eine größere Zugabe erforderlich

Von der Natur aus sind unsere Füße den Bedingungen von Naturböden angepasst. Das bedeutet, das sie mal von einer Kuppe, mal flach mal von einer Mulde aus abrollen. Unsere „Kulturböden“ sind platt und hart. Deshalb ist es empfehlenswert Schuhe mit mittleren und flachen Absätzen im Wechsel zu tragen. Hohe Absätze sollten stundenweise die Ausnahme sein (Faustregel 3). Alle Schuhausstattungen, die aktives Training für den Fuß bedeuten, sind je nach Intensität nur kurzzeitig zu tragen. Niemand mutet seinen Armen stundenlang Klimmzüge zu!.

Um eine intensive Fußkontrolle zu haben werden Sportschuhe für kurze sportliche Ausübung meistens knapp, eher kurz getragen. Als Alltagsschuhe aber müssen Sportschuhe ebenfalls die nötige Zugabe besitzen, meist müssen sie größer als üblich gekauft werden.

Das Fußvolumen nimmt im Tagesverlauf mit wachsender Beanspruchung zu. Das ist von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt. So kann es vorkommen, dass Schuhe – abends nach einem „fußintensiven“ Tag gekauft, am nächsten morgen zu groß erscheinen, oder das Abendschuhe – morgens eingekauft – sich als zu eng herausstellen. Leder dehnt sich mit Erwärmung und Beanspruchung aus und zieht sich bei Erkalten wieder zusammen.

Vierte Faustregel:
Lederschuhe für den ganzen Tag eher morgens kaufen, spezielle Abendschuhe eher gegen Abend kaufen.

Eine andere schuhbestimmende Eigenschaft unserer Füße ist die Transpiration. Füße schwitzen, je mehr Bewegung, desto stärker. Leder hat die Eigenschaft Fußfeuchtigkeit zu speichern und nach außen abzugeben. Dazu benötigt Leder aber nach einem Tag „Tragen“ eine „Pause“ von 24 Stunden, um die gespeicherte Feuchtigkeit ganz abzugeben. Bei zu kurzer Pause werden auch Lederschuhe zu „Feuchtekammern“, in denen Pilze gut gedeihen können und Kälte schneller Einzug hält.
Wenn wetterbedingt geschlossene Schuhe getragen werden müssen, sollte man zwei Paar zum Wechseln einplanen. Wenn damit noch ein modischer Erscheinungswechsel verbunden ist, hat man das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden.

Schuhe aus nicht atmungsaktiven Materialien wie z. B. Gummi oder imprägnierte Textilien sollte man nur stundenweise tragen. Bei Regenstiefeln oder Moonboots kann die Tragezeit durch Wechseln der Strümpfe aus wasserspeichernden Materialien (Wolle) verlängert werden.
Bei Regen und/oder Schneematsch haben sich Schuhe mit Zwischenmembranen wie z.B. Goretex, Sympatex und ähnlichen Materialien bewährt. Diese Membranen lassen Wasserdampf nach außen durch, versperren aber über längere Zeit Feuchtigkeit von außen den Weg. Auch Lederschuhe können damit ausgestattet sein. Letztlich bleibt aber das Verhalten des Obermaterials für das Fußklima verantwortlich. Auch Lederschuhe mit Membran sollten ebenfalls nur ein über den anderen Tag im Wechsel getragen werden.

Winen gesamtgesellschaftlichen Trend sich auszudrücken, manchmal gruppenspezifisch ausgeprägt, nennt man Mode. Schon in früheren Kulturen sind „Modetorheiten“ belegt. Somit kann man sicher von einem Bedürfnis Mode sprechen. Hier ist vor allem die Faustregel 3 wichtig. Wenn die Schuhmode den Anforderungen einer guten Passform widerspricht, sollte man auf stundenweise Tragen ausweichen und danach den Füßen immer wieder Gelegenheit zur „Erholung“ geben, am besten von aktiver Fußgymnastik unterstützt.

Festvortrag Congress I.F.P.B. 2003 – Prof. Bourdiol, Frankreich

Ich hätte nie gedacht, dass meine Entdeckungen im Dezember 1974 beim Skisport in den Pyränenen mein Leben so verändern würden. Ich, der kleine Algerier, der nie Schnee gesehen hatte, der kein Vertrauen zu den verschneiten Abhängen hatte, sich aber auch nicht lächerlich machen wollte entschied sich deshalb für den Langlauf. Ich nahm ein paar Stunden Unterricht und dabei ging alles gut, bis ich trotz politischer und sonstiger Gegenarbeit gefährlich nach rechts Übergewicht bekam.

Der hinter mir fahrende Professor bemerkte bei meinem rechten Skischuh einen Belastungsfehler. Ohne das ich es beabsichtigte kam der rechte Fuß nicht mit, ich hatte einen falschen Standwinkel, was den Widerstand auf der rechten Seite des Ski´s erhöhte, so das ich vom Weg abkam. Als Yang Mensch hatte ich Hohlfüße, das erhöht natürlich die Belastung des lateralen Fußgewölbes. Das erklärt auch den falschen Winkel und die großartigen – wenn auch unwillkürlichen Schwünge bei der Abwärtsfahrt. Ich bemerkte auch, dass ich keine Möglichkeit hatte, die äußere Seite meines Fußes zu unterstützen um auf den verschneiten Hängen Kraft entwickeln zu können, damit sich Wirbelsäule und Becken synchron bewegen.

Eureka – ich hatte es gefunden. Diese Ilio-podologische Verbindung war die Folge einer dreifachen Verkürzung der Muskeln M. rektus femoris, M. tensor fascia latae und M. vastus lateralis, die außer der zum Skifahren notwendigen Beweglichkeit des Unterschenkels auch die Tätigkeit des Fußes beeinträchtigte.

Zurück in Paris begann ich mit den anthropologischen Messungen und Auswertungen gemäß der Methode und den spezifischen Hilfsmitteln, die ich an der Salpètriére schon vor 12 Jahren angewandt hatte. Nach der Winkelmessung nach E.I.A.S. des so genannten Schneiderwinkels (der klassische Spino-Calcanische Abstand der Anthropologen) entdeckte ich, das bei meinen Patienten die von mir benannte „schraubenförmige Verdrehung des Beckens“ und die Rotation sowie die Lateralneigung der Wirbelsäule immer zusammen auftraten. Ich überlegte also, dass diese schraubenförmige Verdrehung mit der fixierten Position beim Skilaufen zusammenhängen muss. Mir blieb nur noch den Winkelfehler mit Hilfe der lateralen Längsbänder an der entsprechenden Seite einer orthopädischen Sohle zu beheben. Am Anfang sehr vorsichtig, später als der Erfolg mir recht gegeben hat war ich weniger schüchtern.

Ich sah von der somatischen Verbesserung erst nichts am Becken, also glich ich die Veränderungen aus, was die Stellung der Dornfortsätze mir bestätigten. Die Kontraktionen verschwanden also, was durch andere Manipulationen nicht hatte erreicht werden können; das Schulterblatt entspannte sich, der Rücken richtete sich auf und der Bauch wurde eingezogen. Und das alles war zu erreichen – ohne Krankengymnastik!!

Als Neurologe, der ich war, dämmerte mir: all diese Veränderungen vom Fuß her beginnend, konnten nur vom Zentralnervensystem herrühren. Ich erkannte auch schnell die Nutzlosigkeit großer Korkteile in den Sohlen. Eine kleine Münze unter dem Fersenbein reicht z.b. aus, um entscheidende Veränderungen zu bewirken.

Ich begab mich also zu meinen Fußübungen, immer ausgerüstet mit Winkelmesser, Lot und Kompass, um die Ergebnisse objektiv beurteilen zu können. Dabei entdeckte ich folgendes:

  • Tätigkeiten der Plantarmuskulatur der großen Zehe bei der Bestimmung der Exorotation der unteren Extremität und der Retroversion des Beckens.
  • Tätigkeiten der Plantarmuskulatur des kleinen Zehs bei der gegenläufigen Entwicklung körperlicher Variationen
  • Tätigkeiten des viereckigen Muskelbauchs des M.Sylvius, um zu erreichen, dass der Rumpf nach vorne abknickt und die lumbale Hyperlordose abgeflacht wird
  • Tätigkeiten der Mm Lumbricalis um zu erreichen, dass der Körper sich streckt.

Die Entdeckung der Biografischen Werke von Prof. Winckler, die ich in Lausanne gesehen hatte; ließen mich begreifen, wie wichtig diese unterschiedlichen Muskeln sind. Sie sind der Ausgangspunkt der Sensoren, insbesondere der Kapselsensoren, der Drucksensoren die entlang der propriozeptiven Bahnen und in Gegenläufigkeit zu den somatischen Bewegungsnerven (a –y Eigenreflex) in jeder muskulären Etage einen oszillierenden Kreis formen, der in einer langen physiologischen Kette die darüber gelegenen Etagen erreichten kann.

Ich bin noch immer beeindruckt von der Reichhaltigkeit der erzielten Ergebnisse, die sofort messbar sind, und der Subtilität und Schlichtheit der podo-orthesiologischen Sohle. Was mich veranlasst, noch einmal gründlich über die polysynaptischen propriozeptiven Bahnen nachzudenken. Es gibt in der Neurologie ein bequemes Mittel, das WARUM eines Phänomens zu erklären: das ist das Studium der Aktionsabläufe. Aber es gibt auch ein noch bequemeres Mittel um bestimmte Anomalien zu erklären, ohne in einen Widerspruch zu geraten; bauen Sie ein Interneuron ein! Für manche Physiologen ist das eine wirkliche Spezialität geworden. Treffer! Ein Interneuron findet sich tatsächlich in den propriozeptiven Bahnen. Und das ist außerdem wirklich ein Reizbremser. Es sind die Muskelspindel und die Golgizellen, die sowohl durch ihre Lage im Muskelbauch als auch durch ihre Schaltung auf Zug an den Muskel gezielt reagiert, in dem sie eingebettet ist. Sie erhöht tatsächlich den Entladungsrhythmus proportional zur Muskelspannung und ihre Aktivität schaltet auf Rückenmarksniveau, nicht in der Kette der Bewegungsmuskeln, sonden in diesem berühmten Zwischenneuron, das den kinetischen Effekt umdreht mit ebensoviel Entschiedenheit wie die Reizung, die auf ein Niveau getragen und verstärkt wird. Der Muskel entspannt sich also und das Verletzungsrisiko am Ansatz verringert sich. Ich hatte daher die Idee, dieses System für therapeutische Zwecke zu nutzen um die ligamento-aponeurotische Spannung mittels mechanischer Reize (Podo-Orthese) oder kinetischer Manipulation oder Reflexmassage zu ändern. Das ist also, was ich mir von meinen myotensiven Techniken versprochen habe. Natürlich konnten mich diese neuen Wege nicht von weiteren Untersuchungen und vor allem Dissektionen abhalten.

In Arcs fand im Februar 1975 ein erinnerungswürdiges Seminar statt. Teilnehmer waren u.a. Ton v/d Bos, Gg. V. Roy, Goido Hauwaerts, außerdem ein paar ausgezeichnete Skiläufer. Jeden morgen gingen die Langläufer, bekleidet mit engen Hosen und einem Schuh, der – ohne dass sie es wussten -mit einem dünnen destabilisierenden Element versehen war, in die Loipe. Sie klärten also und überprüften meine Wahrnehmungen durch ihre unwillkürlichen Abweichungen in der sagittalen Kinetik, die sie für sich entdeckten und die ihnen erklärt wurden. Ich demonstrierte ihnen die Wichtigkeit der somatischen Veränderungen, die durch das ganz leichte Ungleichgewicht der Fußstatik entstehen und ich entschied mich, mit Maurice Laisné an meiner Seite Präparationssitzungen zu organisieren. Natürlich begannen wir mit dem Präparieren von Füßen. Ich habe mehr als 500 Präparierungen geleitet und mehrere Dutzend selbst ausgeführt. Um andere Körperteile kümmerten wir uns auch. Es gelang mir, verschiedene besondere muskuläre Strukturen nachzuweisen und (ich denke da unter anderem an die Mm periachiodais) speziell im Hinblick auf ihr Nervensystem zu klären. Ich entdeckte aber auch die Nichtigkeit bestimmter Verstärkungen. Ich habe niemals eine einzige „venöse Sohle von Lejars“ gefunden. Was nichts Gutes über bestimmte Reflextherapien und über einige Hypothesen zur Äthiologie des varikösen Syndroms aussagt. Gleichzeitig machte ich in Zusammenarbeit mit Francoise, mit dem ehrenwerten Doktor Hon Nguyen Tan und André Laurant, elektromyographische Untersuchungen um die Muskelfaserbündel zu bestimmen. Leider lieferte das „Myoskop“, das uns Professor Soryanto besorgte zuviel Hautstimulation über seine Metall-Elektroden, so das es nichts wurde mit unseren perfekten Untersuchungen.

Die Synthese all dieser Arbeiten ergab die neurologische Konzeption zweier unwillkürlicher und reaktogener Syndrome inklusive ihrer morphologischen, physiologischen und pathologischen Kriterien mit der Unterscheidung ihrer mechanischen und ihrer bänderbezogenen Funktionen. Das führte mich (immer mit der Unterstützung meiner Gattin sowie Dr. Guiseppe Bortolins und die Mitglieder meiner Gemmer-Gruppe und Karel Breukhoven) dazu die Kenntnis und das Verständnis der krankhaften Wesen in der Podologie zu vertiefen, indem ich Berechnungen zahlreicher (Einzel-)Faktoren anstellte. Zudem befasste ich mich mit der geologischen Zusammensetzung und dem Erdmagnetismus, mit der Entdeckung des Biomagnetismus, hervorgerufen durch dieselbe Corioliskraft, Ursprung des Geomagnetismus.

Das Studium der biomagnetischen Achsen und ganz besonders der podomagnetischen Achsen in ihren verschiedenen Variationen sind im Augenblick die letzten untersuchten Themen in der Prospherontologie, dieser neuen Wissenschaft vom Wohlfühlen ohne auf chemische oder giftige Substanzen zurückzugreifen.

Statische und biomechanische Unterschiede bei verschiedenen Völkergruppen – M.A.Visbeen

Einführung
Don Visbeen ist vor ca. 1 Jahr nach Surinam zurückgekehrt.
Bereits zwei Jahre zuvor war er einige Monate in Paramaribo und gab in Zusammenarbeit mit der Pan American Health Organisation und „Pro –Uit“ einen Kurs „Der Diabetische Fuß“ für Ärzte. Auch das Pflegepersonal im Lands Hospital Paramaribo bekam von Don eine Ausbildung.
Weiterhin ist er aktiv beim nationalen Projekt „de diabetische voet“, wo vor allem an der Aufklärung und Prävention des diabetischen Fußes gearbeitet wird. Dies alles ist ein lobenswertes Projekt woran sowohl Regierungsorganisationen als auch nicht gebundene Organisationen mitwirken.

Fußversorgung in Surinam (Paramaribo)
Qualitativ und quantitativ liegt die Fußversorgung bei einem Stand wir vor ca. 50 Jahren in den Niederlanden. Es gibt kein deutliches Berufsbild, die Fußpflege wird fast nur durch Teilzeit arbeitende Frauen durchgeführt. Es sind hauptsächlich Schönheitssalons, welche die Fußpflege (Kosmetik) mit anbieten. Es existiert nur eine unklare Ausbildung – ohne Zusammenarbeit.
Nur die Stiftung „Pro-Uit“ organisiert eine längere Ausbildung, ansonsten dauern die Ausbildungen nur ca. 6 Monate. Es gibt zu wenig gute Fachdozenten, keine Weiterbildungs-programme und Literatur. Ab und zu findet ein Kongress des „St. Vincentius Krankenhaus“ statt – in Zusammenarbeit mit der Podotherapieausbildung in Eindhoven.
Ca. 10 Fußpfleger haben sich jetzt zusammengeschlossen mit dem Ziel, den „diabetischen Fuß“ bekannter zu machen Sie haben alle die Ausbildung von Don bekommen und arbeiten gut mit den Ärzten zusammen. Einer der Kursteilnehmer hat weitere Kurse besucht und ein Praktikum in den Niederlanden absolviert. Er arbeitet jetzt am R.K. Krankenhaus in Paramaribo.
Der diabetische Fuß kann nur multidisziplinär behandelt werden.
Diabetes ist in Surinam ein Riesenproblem. Sowohl die Amputationsrate als auch die Sterberate liegt höher als in den umliegenden Ländern.
Es leben sehr viele verschiedene Bevölkerungsgruppen in Surinam.
Die 2 größten Gruppen sind:

  • Creolen (Nachkömmlingen von Afrikaner)
  • Hindustaner (Nachkömmlinge von Immigranten aus Indien)

Vor allem in der letzten Gruppe sehen wir viel Diabetes mellitus
Ca. 25% der Hindustaner über 55 Jahren leiden unter Diabetes mellitus. Dieses Problem sieht man weltweit unter den Hindustanern. Wahrscheinlich ist das typische Hindustaner Nahrungsmuster die Ursache, aber auch genetische Ursachen werden vermutet.

Surinam ist kein Drittweltland, eher könnte man es ein Entwicklungsland nennen. Es gibt ausreichend Ärzte, Fachärzte, Physiotherapeuten etc. In Paramaribo gibt es 3 Krankenhäuser und eine Universitätsklinik. Die Qualität des Personals ist gut, das Problem sind eher die Materialien und Instrumente, die entweder nicht da oder nicht in Ordnung sind.
Es gibt eine staatliche Krankenkasse aber auch diese Versorgung ist für viele sozial Schwächere noch zu teuer. Diese Gruppe bekommt nur die minimale, absolut notwendige medizinische Hilfe.

Niederländisch ist zwar die offizielle Sprache, viele Surinamer sprechen aber miteinander das Sranan oder die spezifischen Sprachen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Das gibt häufig Probleme wenn ein (älterer) Patient seine Beschwerden dem Arzt erklären muss. Überweisungen in ein Krankenhaus sind ebenfalls oft schwierig.
Auch die Infoflyer in niederländischer Sprache ergeben oft ein Verständnisproblem. Daher gibt es Aufklärung über Fernsehen und Radio (in lokalen Sprachen). Wie viele Menschen diese Sendungen hören oder sehen kann aber nicht kontrolliert werden.
Das Diabetes Education Zentrum veranstaltet des öfteren einen Themenabend, leider aber fast nur in Paramaribo – während die größten Probleme in den Distrikten (auf dem Lande) auftreten.

Ein anderes typisches Problem sehen wir vor allem bei den Creolen. Viele chronische Erkrankungen werden als „Schicksal“ gesehen. Eine von Gott gegebene Krankheit, wo der Mensch nicht helfen kann: Daher wird wenig Hilfe gesucht und die Menschen sind wenig motiviert an Ihrer Krankheit zu arbeiten. Oft sucht man dann eher einen „Bonnuman“ (Kräuterheiler) aus der eigenen Bevölkerungsgruppe. Der (Fach)arzt wird dann oft zu spät aufgesucht. Hier sehen wir noch Ulcera die man in den Niederlanden nur noch vom Foto kennt. Allgemein liegen die Fußabweichungen, Fußbeschwerden und Fußprobleme in Surinam sehr hoch.

Fußbeschwerden
10 – 24 % der Bevölkerung hat Fußbeschwerden. Ursache sind alltägliche Probleme wie Standabweichungen und Überlastung. 60% haben Beschwerden im Vorfuß dieses sind dann vor allem Patienten über 65 Jahre. Beschwerden über einen Zeitraum von mehr als 4 Wochen führen schnell zu Mobilitätsverlust.
Es sind mehr Frauen betroffen. Die Patienten kommen erst nach längerer Zeit in die Praxis, meistens wegen den Schmerzen. Die weiteren Beschwerden wie z.B. Diabetes mellitus , Arthrosen, Herz- und Gefäßerkrankungen etc. schränken die Mobilität noch weiter ein.

Fußabweichungen
Fußabweichungen sind Abweichungen von Fußform, Stand oder Funktion. Es muss keine direkte Verbindung zu den Fußproblemen bestehen. Menschen mit Fußbeschwerden haben im Durchschnitt 3,2 Fußabweichungen gegenüber 1 Fußproblem.

Fußproblem
Abweichungen am Fuß, wodurch die Fußbeschwerden am besten erklärt werden können. Der Unterschied zwischen Fußabweichung und Fußproblem ist wichtig, sowohl für die Beurteilung des Fußabdruckes als auch für die Behandlung.
Eine Einteilung der Fußprobleme nur anhand der Lokalisation berücksichtigt zu wenig eventuelle weitere Krankheitsbilder wie Arthritis und Arthrose und achtet zu wenig auf den Fußtypen des Patienten. Auch der Fußbau, die Qualität der Kapsel und der Bänder, die Kraft und Motorik spielen eine Rolle. Dazu natürlich die Schuhe und die Straße auf der man geht

Zur Beurteilung des Fußabdruckes muss man beachten ,dass:

  • Alltägliche Fußbeschwerden und Fußprobleme häufig gesehen werden und oft eine Bewegungseinschränkung verursachen.
  • Das Erkennen des Fußtyps (Fußabdruckes) bei der genauen Beurteilung und Behandlung helfen kann.
  • Lange nicht alle Abweichungen von Form und Stand der Füße auch Probleme geben.

Schuhe
In Surinam gibt es keine lokale Schuhproduktion mehr. Die meisten Menschen laufen auf billigen Schuhen aus China oder Brasilien etc. Es sind noch keine semi-orthopädischen Schuhe zu bekommen. Zusammen mit „Onze Vlag“ und „podo medi“ wird jetzt ein Programm gestartet um die semi-orthopädischen Schuhe „X-Sensible“ nach Surinam zu bekommen.
Zudem wird ein Infoflyer über Diabetes erstellt. Dieser Flyer konnte auch dank finanzieller Hilfe der I.F.P.B.-Mitglieder gemacht werden. Die Patienten werden über den Inhalt der Flyer interviewt.
Weiterhin wird der Flyer in Präventionsprogrammen verteilt.
Da Fußabweichungen am besten definiert werden können als Abweichungen der Fußform, -stand, -funktion, ohne dass es eine Verbindung zu den Fußbeschwerden geben muss haben wir eine Untersuchung gestartet mit dem Ziel:
Gangbildwinkel, Spurbreite, Schrittlänge und Fußlänge zu objektivieren. Wir hoffen auf Informationen betreffs der hohen Anzahl von Fußproblemen.

Spezifische Beinabweichungen
Vor allem bei Bosland-Creolen sehen wir häufig O-Beine. Bei den Hindustanern sehen wir oft typische Beinlängendifferenzen. Diese Abweichungen geben im Alter oft Störungen im Gangbild. Die Beschwerden werden durch die schlechten Schuhe verstärkt.
Die Ursache muss wahrscheinlich in den ersten 2 Lebensjahren gesucht werden (Hypothese)

  • Bosland-Creolen – Tragen ihr Kind auf dem Rücken, kräftig gebunden, die Beine des Kindes li./re. um die Hüften der Mutter.
  • Hindustaner – Tragen ihr Kind einseitig auf der Hüfte, das vordere Bein kann sich frei entwickeln, das hintere Bein wird im Wachstum gehemmt und bildet ein leichtes O-Bein.


Der „Tropenfuß“
Der Tropenfuß weicht in der äußeren Form vom „europäischen“ Fuß ab, der Vorfuß ist breiter, der mediale Fuß ist flacher und die Zehe stehen weiter auseinander. Es zeigt sich eine dickere physiologische Hornhaut.
Aber auch innerhalb der Rassen gibt es Unterschiede. Oft sehen wir einen Plattfuß 2.-3. Grades ohne Beschwerden und Probleme. Durch die andere Fußform ergeben die europäische Schuhe natürlich viel Probleme, vor allem die Sicherheitsschuhe.

Die europäische podoposturale Norm muss hier also angepasst werden.
Die Creolen brauchen oft härtere (agressivere) Elemente, selbst wenn die Hornhaut teils entfernt worden ist. (Creolische Frauen, welche die Antibabypille bekommen, brauchen auch eine höhere hormonelle Dosierung).
Die Anpassung und Herstellung druckentlastender , mechanischer und propriozeptiver Inlays muss also abgestimmt werden auf den „Tropenfuß“, wobei Unterschiede innerhalb der Rassen mit berücksichtigt werden müssen.
Damit wir eine standardisierte Rezeptur finden können, haben wir eine eigene Untersuchung gestartet:
Von 20 Diabetespatienten wurden mit einer bereits vorher in der Literatur beschriebenen Technik Fußabdrücke erstellt. Diese Technik beinhaltet eine Dose mit Puderfarbe und Talkum worin sich der Patient stellen muss. Dann muss er über eine 5 m lange und 1 m breite Pappe laufen. Hier werden mindestens 5 Fußabdrücke genommen.



Wir berechnen bestimmte Parameter

  • Gangwinkel
  • Spurbreite
  • Schrittlänge
  • Fußlänge

Ein Transparent mit Längslinien wir über die Pappe gelegt und liefert Informationen über Fußabdruck und Hackenabdruck. Die Abdrücke werden jeden Monat wiederholt. Die ersten ohne Inlay und die folgenden fünf mit Inlay. Somit gibt es pro Person sechs Abdrücke. Die Beurteilung erfolgt nach ANOVA.
Es liegen noch keine Ergebnisse vor, da noch keine Messungen mit Inlay vorhanden sind.
Es wurde aber bereits festgestellt, dass druckentlastende Inlays bei Diabetes mellitus Patienten eine besseres Gangbild zeigten und eine Verbesserung der Spitzenbelastung pro cm² ergaben.
PROPRIOZEPTIVE Inlays nach Bourdiol haben wohl einen Effekt, die Theorie nach Bourdiol hier aber fraglich. Bourdiol spricht in seiner Hypothese über den Plattfuß als patho-physiologisches Konzept. In den Tropen aber gibt es platte Füße (wir sagen schon Flachfüße) ohne Standabweichung oder Überlastung (auf Abdruck oder Podoskop).

Weil die Hypothese von Bourdiol nicht so auf den „Tropenfuß“ passt, habe ich für diesen Zweck ein geeigneteres Konzept aus den Publikationen von W.R. Duncan u.a. als Grundlage genommen.
Die Forscher identifizierten 4 Stellen unter dem Fuß, die bei Stimulation einen tonischen Reflex auslösen.

  • Zehgreif Reflex
  • Inversionsreflex
  • Eversionsreflex und Zehspreizung
  • Dorsalreflex

Druck oder Druckentlastung auf diese Elemente scheinen eine kinematische Kette auszulösen. Einige Punkte kommen mit der Bourdiol-Sohle überein. Einige Punkte sind mehr ein Kombinations-Inlay (Propriozeptiv / Biomechanisch).

Momentan arbeiten wir in Surinam nur noch mit der Bourdiolmethode. Eine vergleichende Studie mit gesunden Testpersonen verschiedener Rassen wäre interessant, vor allem wenn man die verschiedenen Fußformen betrachtet.

Schuhtechnische Versorgung bei Diabetes mellitus und degenerativen Abweichungen – J. de Boer, Gerard Gravemaker, Niederlande

Einführung


In der heutigen Gesellschaft scheint Diabetes mellitus (D.m.) VolkserkrankungNr. 1 zu werden. Immer öfter werden die Versicherungen mit D.m. konfrontiert.
Dieses hat (in den Niederlanden) zu einem Screening durch Hausärzte,Paramedizin, speziellem Diabetes- Pflegepersonal und Fußpfleger geführt.Polyneuropathie – ein häufiges Symptom des Diabetes mellitus – ist für dieOrthopädie-Schuhtechniker ein wichtiges Thema. Polyneuropathie hat verschiedeneUrsachen. Die Störungen der nervalen Versorgung führen zu einem erhöhten Risikovon Hauterkrankungen. Folge der Neuropathie und Angiopathie bei D.m. sind u.a.sensible Störungen der Haut und eine erhöhte Infektanfälligkeit. BeiHautaffektikonen können sich bakterielle Infektionen schneller ausbreiten undinnerhalb kürzester Zeit zu ernsthaften Problemen führen, wobei die Amputationeine reelle Bedrohung darstellt. Prävention ist deshalb absolut notwendig.

Ziele


Ziele der speziellen Schuhe bei poly-neuropathischen Füßen sind: Prävention,Heilung und Reduzierung der Hautaffektionen, Reduktion der Fußabweichungen undErhalten der Mobilität.
Eine große Gruppe von Abweichungen kann ein breites Spektrum an Fußproblemenverursachen. Blasenbildung, unbemerkter „Strain“ (Überdehnung) von Gelenken unddie Entwicklung von Fußabweichungen sind dann einige der oft auftretendenFolgen.
In Zusammenarbeit mit verschiedenen Spezialisten kann derOrthopädie-Schuhtechniker einige effektive Lösungen anbieten damit dieseFolgeschäden verhindert werden. Richtlinien des präventiven Handelns sind diesog. „Wagnerklassifikation“ und die „VINU-Score“.

Wir unterscheiden 5 Schuhtypen:

  1. Die herkömmlichen (Konfektions-) Schuhe sind in vielen Fällen ausreichend, wenn sie nach bestimmten quantitativen und qualitativen Kriterien hergestellt worden sind z.B. Hackenhöhe, Schuhform und Konstruktion.
  2. Semi-orthopädische Schuhe werden in der präventiven Phase eingesetzt und wenn kleine Fußabweichungen vorliegen. Der Schuh wird mit individuell angefertigten Sohlen oder mit Schuhanpassungen versorgt.
  3. Der orthopädische Maßschuh bietet die perfekte Passform. Dieser Schuhtyp hat einen sekundär präventiven Charakter und wird bei bedrohenden, degenerativen Abweichungen eingesetzt. Er hat einen Verschluss über den ganzen Fußrücken damit der Fuß nicht nach vorne rutscht und Schnürsenkel damit die Druckverteilung optimal reguliert werden kann.
  4. Bei Ulcerationen oder postoperativ bei Zeh- oder Fußamputationen, kann ein Verbandschuh verschrieben werden. Dieser Schuh soll den Patienten so schnell wie möglich wieder mobil machen.
  5. Wenn mehrere orthopädische Anpassungen am Schuh notwendig sind, können vorübergehend orthopädische Schuhe eine Lösung sein. Die Schuhe werden über einen individuellen Leisten mit individuellen Unterstützungen speziell hergestellt damit der Druck am Fuß gemindert wird. Hat der Patient Schmerzen beim Abrollen, dann wird eine Abrollhilfe in Form einer sog. „Butterflyrolle“ eingebaut.

Schuhwahl


Abhängig vom Schweregrad der Probleme können wir semi- oder orthopädischeSchuhe nutzen. Der Orthopädie-Schuhtechniker kann betreff Schnitt- undAusführung alles anbieten und herstellen was in der Mode gerade gewünscht ist,damit Funktionalität und Ästhetik Hand in Hand gehen.

Schlussfolgerung


Ein Diabetes mellitus kann eine Reihe von Fußproblemen nach sich ziehen. DerOrthopädie-Schuhtechniker kann hier viel Hilfestellung geben und dieLebensqualität erhöhen.

Die Änderung des Gangbildes während der Schwangerschaft – M.A.Visbeen, Suriname

Die Schwangerschaft kann bekanntlich zu signifikanten Änderungen der Haltung führen. Änderungen im Gangbild während der Schwangerschaft sind aber noch wenig dokumentiert.
Die folgende Studie der Fußabdrücke von 25 schwangeren Frauen während der ersten drei Monate der Schwangerschaft bis kurz nach der Geburt zeigt eine deutliche Zunahme in der Basis des Gangbildes. Die festgelegten Änderungen des Gangbildes sind möglicherweise eine Kompensation zur Verbesserung der Bewegungsstabilität und können eine wichtige Rolle in der Funktionalität der Füße und der Entwicklung von Pathologien der unteren Extremität während der Schwangerschaft spielen.

Damit die Entwicklung des Kindes gut verläuft und eine normale Geburt stattfinden kann, finden während der Schwangerschaft große Veränderungen in der Struktur und Funktion des weiblichen Körpers statt. Mehrere dieser Veränderungen, wie Gewichtszunahme, Hypotonie der Ligamente und Änderung der normalen Morphologie der Wirbelsäule, beeinflussen die Haltung und das Gangbild der schwangeren Frau. Diese Änderungen sind eigentlich nur von kurzer Dauer, können aber auch zu posturellen Abweichungen führen, wie Beschwerden der LWS und der unteren Extremität. Dieses sind Beschwerden die man häufig bei Schwangeren feststellen kann und die zu einer erheblichen Einbußung an Beweglichkeit und damit an Unabhängigkeit führen kann. Trotz dieser oft festgestellten Veränderungen am Halte- und Bewegungsapparat und der vermuteten Zusammenhänge mit der Schwangerschaft gibt es wenig Studien , vor allem auf dem Gebiet der biomechanischen Änderungen.Untersuchungen zeigten eine statisch-posturelle Änderung der Lendenlordose und eine Verschiebung des Körperschwerpunktes nach anterior.
Fallstudien sprechen von der Entwicklung eines Genu Valgum (X-Bein), breiter werden der Schrittbreite (Gelängion) und einer verstärkten Abflachung des Fußes (kein pathologischer Plattfuss). Mehrere dieser Änderungen sind wahrscheinlich die Folge von verschiedenen zusammentreffenden Faktoren von u.a.Hypotonie der Ligamente und der Gewichtszunahme.
Soweit uns bekannt, gibt es nur 3 Studien in denen das Gangbild und die Haltung während der Schwangerschaft studiert wurde.

Tavis u.a. zeigten in einem Film über 2 junge schwangere Frauen die Körperbewegung in der Sagittalebene und dokumentierten die räumlichen Parameter von Schritt und Staplänge. Sie stellten fest, dass es hierbei keinen signifikanten Unterschied zwischen schwangeren und nicht-schwangeren Frauen gab.
Bemerkung:
Es wurden nicht alle Parameter für den Halte- und Bewegungsapparat kontrolliert, daher sind Änderungen in anderen Segmenten des Gangbildes nicht auszuschließen.

Golomer untersuchte das Gangbild von 10 schwangeren Frauen in der Zeit zwischen dem 3. und 8. Schwangerschaftsmonat, wobei die Frauen ein extra Gewicht tragen mussten. Die Laufgeschwindigkeit änderte sich während der Schwangerschaft nicht. Somit konnte man nachweisen,dass der Körper sich an die posturellen Änderungen anpasst damit die Energie während des Gehens optimal genutzt wird.

In einer neueren Studie von Foti u.a. wurden 10 Frauen in der 2. Hälfte des letzten Drittels sowohl 1 Jahr nach der Schwangerschaft beobachtet.Hier wurde eine dreidimensionale Videoanalyse gemacht und eine computergesteuerte Gangbildanalyse angefertigt, wobei Kinematik und Kinetik von Hüften, Knie und Knöchel untersucht wurden.
Diese Studie zeigte, dass charakteristische Merkmale wie z.B. der „Wackelgang“ bei schwangeren Frauen, der möglicherweise die Folge von der geänderten Fußstellung und dem geänderten Fußabstand sein könnte, nicht deutlich anders waren während als nach der Schwangerschaft.
Die Schlussfolgerung dieser Studie war, dass die Änderungen im Gangbild während der Schwangerschaft äußerst gering sind.

Da es so wenig Literatur und Untersuchungen zu diesem Gebiet gibt, wurde vorgeschlagen diese prospektive Studie durchzuführen.Es wurde untersucht ob eine Schwangerschaft Einfluss hat auf die Abstand- und Eckparameter des Gangbildes, wobei die Fußabdrücke während der verschiedenen Schwangerschaftsperioden miteinander verglichen wurden.

Untersuchung und Methodik:
Die Gruppe der untersuchten Frauen besuchten alle eine Schwangerschaftsklinik und wurden für die Untersuchung in der 12. Schwangerschaftswoche (+-4 Wochen) (Durchschnittlich 13.00 +- 2.24 Wochen) ausgewählt. Dieser Unterschied in der Zeit wurde von den Untersuchern akzeptabel genannt, vor allem da es für alle untersuchten Frauen der ersten Besuch in dieser Klinik war und angenommen wurde, das in den ersten Wochen der Schwangerschaft keine Änderung des Gangbildes auftritt. Weitere spezifische Selektionskriterien fanden nicht statt. Von den 34 Frauen die bei der Studie anfänglich mitmachten stiegen 9 Frauen zwischenzeitlich aus. Gründe für den Ausstieg waren u.a. eine Frühgeburt, ein Umzug oder Erkrankung während der Schwangerschaft. 25 Frauen beendeten die Untersuchung wie geplant. Für 15 Frauen war es die erste Schwangerschaft, 10 Frauen hatten schon eine frühere Schwangerschaft.
Während des ersten Gesprächs wurden Alter, Gewicht und Körperlänge festgelegt.
Durchschnitliche Werte:
Alter 28,7 +- 5,3 Jahre
Gewicht 66,8 +- 15,4 Kg
und Länge 162,8 +- 5,8 cm.

Untersuchungsverlauf und Protokoll:
Alle Frauen machten Fußabdrücke mittels folgender Technik:
In einem Kasten ist eine Mischung aus Puderfarbe und Talkum, hierin stellt sich die Testperson mit beiden Füßen. Anschließend läuft sie über einen flachen Boden auf dem eine Pappe von 1 Meter Breite und 5 Meter Länge liegt. Mindestens 5 Fußabdrücke (das richtige Mittelmaß, nach Meinung der Untersucher) wurden somit gesammelt und mit einem Fixationsspray für spätere Analysen festgehalten.
Mittels dieser Abdrücke konnten verschiedene Parameter gesammelt werden, wie z.B. Winkel und Basis des Gangbildes, Schrittlänge, Fuß-länge. Anschließend wurde ein Transparent mit gleichverlaufenden Linien auf die Pappe gelegt damit die sichtbare longitudinale Verteilung des Fußabdruckes im ganzen und des Hackenabdruckes im besonderen festgehalten werden konnte. Die Ergebnisse wurden mit einer Messlatte von 1,5 Meter gemessen. Die hohe Sicherheit dieser Messmethode wurde in vorherigen Publikationen schon beschrieben. Es wurden jeden Monat neue Fußabdrücke gesammelt bis kurz vor der Geburt. Somit wurden von jeder Probeperson 6 Abdruckserien gemacht.

Resultate und Datenanalyse:
Zur Analyse der Parameter wurde ANOVA gewählt, ein „multivariate repeated measures analysis of variance“ jede individuelle Variable wird unabhängig analysiert. Nach den ersten wiederholten Messungen zeigte ANOVA bemerkenswerte Resultate, die wieder ausgewertet wurden mit der „Tukey´s Methode“:
Deutliche Erhöhung zwischen 1. und 6. Messung von
– Körpergewicht
– Basis Gangbild
– 1. Messung (13. Schwangerschaftswoche) 66,4+-26,4 mm.
– 6. Messung (Kurz vor Geburt) 85,6+-33,8 mm
– ein Zunahme von ca, 30%
Bemerkenswert sind aber die großen Unterschiede der Messungen während der Schwangerschaft, ein Hinweis für die starken individuellen Änderungen . Diese lagen zwischen 15 und 120 mm und die individuellen Änderungen der Schrittbreite lagen zwischen + 70 mm und – 4 mm.
Trotz der Unterschiede zueinander zeigen die statischen Analysen deutliche Änderungen wenn man die erste und sechste Messung miteinander vergleicht.
Keinen Unterschied gab es zwischen Frauen in der ersten Schwangerschaft oder mit früheren Schwangerschaften.

Diskussion
Die Resultate der Untersuchung kommen überein mit vorherigen Hypothesen. Es gab eine deutliche Zunahme der Schrittbreite bei allen untersuchten Frauen. Die Gangbildwinkel änderten sich während der Schwangerschaft nicht so stark. Auch die anderen Parameter zeigten keine großen Veränderungen. Die klinische Bedeutung der Änderung der Schrittbreite und der Stützfläche ist noch nicht deutlich, könnte aber einen Einfluss auf die Stabilität des Gehens haben.
In einer älteren Studie über Fußabdrücke beschrieben Murray u.a. eine durchschnittliche Schrittbreite von 80 mm bei 60 untersuchten Männern und 69 mm bei 30 Frauen. Er gab aber keine Erklärung für diesen Unterschied
Rigas beschrieb eine höhere Schrittbreite bei Älteren zwischen 65 und 90 J. und stellte anschließend fest, das dieses eine Folge des Alterns ist und somit eine schlechtere Funktion der Hüftadduktoren nach sich zieht. Ein Breiterwerden der Schrittbreite kann eine kompensatorische Verbesserung des funktionellen Gangbildes bedeuten.

Auch Kinder mit dem Down-Syndrom oder Kinder die aufgefordert werden bewusst langsamer zu gehen haben eine breitere Schrittbreite. Es gibt 2 mögliche Erklärungen für die Erhöhung der Schrittbreite der in der vorher genannten Studie untersuchtenTestgruppe.

  1. Kompensationsmechanismus während der Schwangerschaft, weil sich das Körpergleich-gewicht durch die Änderung des Körperschwerpunktes und der hypotonen Ligamente immer an die neue Situation anpassen muss. Eine breitere Schrittbreite bedeutet eine größere funktionelle Stützfläche, somit kann der Körperschwerpunkt auf einer größeren Fläche schwanken.
  2. Jede Gewichtserhöhung in Höhe der Hüften bedeutet eine Vergrößerung der Abduktionswinkel der Hüfte um somit die Bewegung der Hüfte des Spielbeins zu vergrößern. Eine Erhöhung der Abduktion der Hüfte wird auch bei Männern mit Übergewicht, Spyropoulos u.a. beschrieben

Die Folgen eines funktionellen breiteren Gangbildes bei schwangeren Frauen wird mit der Entwicklung von Unterschenkelpathologien in Verbindung gebracht. Root u.a. stellten fest, dass eine breitere Basis und ein Genu valgum eine kombinierte Folge ist von der Verschiebung des Körperschwerpunktes medial in Richtung des Talus mit dazu eine erhebliche Pronation des Fußes, wodurch die Pathologien entstehen.

Dies wird durch die Untersuchung von Block u.a. unterbaut. In dieser Untersuchung stellt man fest, dass der Längsbogen bei 13 schwangeren Frauen abnimmt und das hiermit die Unterschenkelpathologien in Verbindung gebracht werden können.
Eine größere Untersuchung dieses Problems wäre sinnvoll.

Einschränkung dieser Untersuchung
Es wäre sinnvoll gewesen die Frauen auch vor der Schwangerschaft und eine Weile nach der Geburt noch beobachten zu können. Bei der Untersuchung nach der Geburt hätte man nachprüfen können ob bleibende Fußänderungen entstehen Bemerkenswert ist, dass einige Frauen angaben, dass Ihre Fußstellung und das Gangmuster nach der Geburt tatsächlich dauerhaft geändert ist. Eine andere Einschränkung dieser Studie: die Zahl der Abdrücke pro Person war eingeschränkt und die Abdrücke wurden genommen, wenn die Probeperson gut ausgeruht war. Als Folge des geänderten Stoffwechsels könnte die schwangere Frau schneller ermüden und dies würde das klinische Gangbild deutlich ändern

Schlussfolgerung
Obwohl wir den Eindruck bekommen, das es eine Verbindung gibt zwischen der Bewegungsdysfunktion und den Störungen der unteren Extremität während der Schwangerschaft , sind noch zu wenig wissenschaftliche Untersuchungen nach dem Gangbild durchgeführt. Somit ist ein Ergebnis noch nicht deutlich auszuwerten.
Diese Studie hat gezeigt, das die Schwangerschaft oft eine erhebliche Verbreiterung der Schrittbreite nach sich zieht und das dies eventuell eine Kompensation zur besseren Laufstabilität bedeutet.

Statik und proprioceptive Praxis – Prof. Dr. Bortolin, Italien

Nach der Geburt werden sämtliche polyartikulären Knochenstrukturen, vor allen Dingen Fuß und Wirbel von den Belastungen, die auf sie ausgeübt werden, graduell und immer weiter verändert. Jenes Element das unsere physische Konstitution dabei am meisten mit beeinflusst ist die Schwerkraft. Sie verlangt dem menschlichen Organismus große Anstrengungen ab, die er aufwenden muss um ihr Stand zu halten.

Der menschliche Fuß ist derjenige, der sich am meisten vom ursprünglichen Fußmodell der anderen Lebewesen entfernt hat. Der Fuß hat ein sehr hohes Spezialisierungsniveau erreicht um die Standfläche des menschlichen Körpers zu bilden und eine optimale aufrechte Haltung zu garantieren. Wenn der Fuß mit dem Boden in Kontakt kommt, sammelt er die Informationen, die sowohl von außen als auch aus dem Körperinneren kommen. Ein neurologisch gesunder Fuß sammelt folgende Informationen:

  1. Taktile Informationen für die Erkennung der physischen Eigenschaften des Bodens der mit der Fußsohle in Berührung kommt.
  2. Proprioceptive Informationen über die höheren Nervenzentren um über Position und Haltung des Körpers und seiner Glieder zu informieren und in die Regelung und Verteilung des Muskeltonus einzugreifen.
  3. Kinestetische Informationenüber die Muskelsensibilität, die bei der Regelung der motorischen Bewegung eingreifen.

Die Verarbeitung dieser Daten ermöglicht es angemessen das Verhältnis von Körper und Boden in den statischen und dynamischen Funktionen zu modellieren.

Die verschiedenen Muskel-Bänder-Sehnenformationen der Fußsohle sind auf einer dicken Sehnenhaut der oberflächigen Aponeurose der Fußsohle, der sogenannten Aponeurosis plantaris angeordnet. Diese bedeckt eine dicke subcutane Masse aus Fettgewebe, das Capiton, das in aponeurotischen Behältern eingebettet ist. Dieses ist eine Sektion die Dr. Bourdiol durchgeführt hat.

Die Dichte dieser Fettgewebe ist nicht einheitlich. An den distalen Enden kompakter, sind sie hingegen in dem medialen Teil unter dem kurzen Fußbeuger wesentlich flüssiger. Also hinten ist es kompaktes Gewebe, vorne ist es weiches Gewebe. Sie haben die Funktion den durch die Schwerkraft auf den Fuß wirkenden Druck zu verteilen und zwar sowohl in Bewegung als auch in ruhender Position.

Hinsichtlich seines Knochengerüstes ist der Fuß nicht wie ein Gewölbe im eigentlichen Sinn aufgebaut. So kann der Talus keinesfalls als ein klassischer Gewölbeschlussstein angesehen werden.

Lange Zeit hat man angenommen, das der Zusammenhalt der verschiedenen Knochenstrukturen durch die Spannung der Innenmuskulatur und vor allem durch die Sehnen der Außenmuskulatur erfolgt.

Eines Tages jedoch bewiesen die belgischen Forscher de Domber und Kowalski in einem Versuch, das nur die Sektion des Ligamentum plantaren longum den Fuß zum Einstürzen bringen kann. Dr. Bourdiol hat diese Erfahrung aufgegriffen und die Ergebnisse bestätigt.

Es handelt sich technisch gesehen also nicht um ein Fußgewölbe, sondern vielmehr um ein Fuß-Hängewerk. Dieses besteht aus dem Talus, der die Hängesäule darstellt, diese trägt das distale Tibiaende, das mit dem Wrist den Talus artikuliert. Der Calcaneus stellt den Hinterpfosten dar. Ossa tarsalis, Metatarsalia sowie die Zehen bilden den Vorderpfosten. Im großen Ligamentum Plantarus longum, den Zuganker, findet die Verstrebung statt.

Betrachtet man den Fuß im Querschnitt, so erkennt man, das es den oben beschriebenen Hängewerkaufbau nur in der Höhe vom 2. ,3. u. 4. Strahl gibt. Die beiden Seitenstrahlen bilden unvollständige Hängewerke. Im 1. Strahl fehlt der hintere Pfosten, im 5. Strahl fehlen sowohl der Hinterpfosten als auch die Hängesäule. An den Seiten der 3 zentralen Hängewerke angebracht bilden die beiden nebeneinander liegenden Strahlen ihrerseits zwei Hängewerke. Das Äußere und das Innere, die das transversale Gleichgewicht des gesamten Fußaufbaus optimieren. Der 1. und der 5. Strahl sind – um einen besseren seitlichen Halt in der Abschlussphase des Fußes zu erreichen wie ein römischer Bogen an den beiden Seiten des Hängewerks angebracht. Die äußeren Bögen garantieren die Stabilität beim einfüssigen Abstützen beim Gehen, Laufen und beim Springen.

Fuß und Indifferenzen mit dem Haltungssystem

Fuß und Rezeptorensystem

Die Fußsohle ist reich an Hautrezeptoren, sogenannte Exterorezeptoren und Propriozeptoren.

Die Exterorezeptoren
Im Fußsohlenbereich gibt es keine wahren od. echtem Rezeptoren in der Epidermis, d.h. es fehlen die für leichte Tastreize empfänglichen Nervenscheiden. Die verkapselten Elemente befinden sich ausschließlich in der Haut und Unterhaut zwischen Fettgewebe und Sehnen. Die Exterorezeptoren umfassen: die verkapselten Meissner-Rezeptoren, also Tastkörperchen in den Papillenschichten der Haut, die auf den Druck der von Hautkommpression verursachten Deformationen der Papillen reagieren; die Lamellenkörperchen in der Derma die empfindlich und auf leichten Druck reagieren; die großen Vater Pacini Lamellenkörperchen, die für die Wahrnehmung starken Drucks zuständig sind. Ein Teil ihrer Übertragungsbahn besteht aus myelin-freien Fasern mit geringer Leitgeschwindigkeit, ähnlich den nozirezeptiven Fasern.

Die proprioceptiven mechanischen Rezeptoren
Sie bilden die Grundlage der gegen die Schwerkraft wirkenden Orthostatik und befinden sich in Muskeln, Sehnen, Knochen und Gelenken. Besonders zahlreich sind sie im Periost, sowie in den Gelenkkapseln und Sehnen. Man unterteilt sie in zwei verschiedene, einander jedoch physiologisch ergänzende Gruppen. Die nanomuskulären Rezeptoren, die auf die Muskelstreckung reagieren. Die neurotendinösen Golgi Rezeptoren, Sehnenorgane, die durch Muskelkontraktion ausgelöste Spannungsveränderungen wahrnehmen.

Die Muskelspindel:
Muskelspindeln sind Kapselgebilde mit einer Länge von 4-10 mm. Jede Muskelspindel besteht aus kleinen spezialisierten intrafusalen Muskelfasern, die parallel zu den extrafusalen Muskelfasern liegen und gedehnt werden wenn dieser Muskel sich verlängert. Die intrafusalen Fasern weisen eine doppelte Innervation auf: afferente sensorische Innervation und efferente motorische Innervation.

Afferente sensorische Innervation:
Jede Muskelspindel weist zwei Innervationstypen auf, die von der zentralen Region ausgehend primäre sensorische Nervenendungen, sogenannte 1 A und sekundär sensorische Nervenendungen verzweigt, die wegen ihrer Eigenschaften unterschiedlich auf die Muskellängenänderung reagieren. Eine phasische dynamische Reaktion (also die Zeit in der die Länge sich ändert) und eine statische Reaktion während der Muskel die neu erreichte Länge behält.

Efferente motorische Innervation
Die intrafusalen Muskelfasern sind von Gamma-Motoneuron innerviert, deren Aksonen in Beziehung zu den kontraktilen Polen der Fasern selbst stehen, die auch kontraktil sind. Zwei unterschiedliche Gamma-moto-neuronen Typen können selektiv die Reaktion der sensitiven afferenten Muskelspindelendigungen variieren.

  1. Die phasischen Gamma Motoneuronen, die eine starke Erhöhung der Entladungsfrequenz der primären Phase 1 A
  2. Die tonischen Gamma Motoneuronen, die eine Erhöhung der Entladungsfrequenz in der statischen Phase der Dehnung der sekundären 2 und primären 1a Phasen auslösen

Das zentrale Nervensystem kann die Sensibilität der Muskelspindeln über die Gamma Motoneuronen kontrollieren. Die Gamma Motoneuronen bilden die efferente Innervation der Muskelspindel, die vom retikulären System des Rückenmarks abhängt. Bei einer aktiven oder passiven Dehnung der Muskelmasse setzt der intrafusale Apparat eine Sequenz von Impulsen frei, die das sentivitale neuromuskuläre Motoneuron das Alpha-afferente Phasen durchlaufen, dessen Enddentriten mit den Motoneuronen Alpha, Alpha efferente Phasen des medullären Vorderhorns artikulieren. Daraus folgt eine neue Muskelkontraktion, die die mechanische Wirkung des Zuges aufhebt. Diese Art Servosteuerung ermöglicht es, den Muskeltonus nach einer ungewollten oder gewollten Dehnung wieder zu erlangen.

Die Golgi-Sehnen Organe
Die neuro-tendinösen Rezeptoren von Golgi sitzen in der Gelenkhaut senkrecht auf der  Insertion der Sehnenfasern. Diese Rezeptoren bilden auch die selbständige Innervation der Bänder-Insertionen um jegliche Kontraktion auszugleichen, die diese Insertion beschädigen oder abreißen könnte. Die Stimulierung dieser neurotendinösen Rezeptoren aktiviert ein neurotendinöses Motoneuron, das mit einem inhibierendes Interneuron artikuliert, dessen Aktivieren die Hemmung der motorischen Endplatte und somit eine Muskeldekontraktion bewirkt.

Die neuromuskulären funktionalen tendinösen Rezeptoren sind der Ausgangspunkt für die Kleinhirn-Bahnen, die kontinuierlich die mit der individuellen Haltung verbundenen Informationen weiterleiten.

Die beiden unbewussten Rückenmarks-Kleinhirn-Bahnen bilden den Ausgangspunkt unserer rezeptorischen Orthostatik. Sie unterscheiden sich sowohl klinisch als auch aufgrund ihrer Topographie und werden durch den Ursprung ihrer mechanischen Rezeptoren konditioniert.

  1. den Fasern der direkten Flechsig´Bündels Tractus spinocerebellaris dorsalis. Sie werden von den Muskel-, Sehnen- und Gelenksenden aktiviert, die oberhalb des Wirbels T 12 liegen. Ohne sich hier zu kreuzen steigen diese Fasern durch den Seitenstrang des Rückenmarks und den unteren Kleinhirnstiel aufwärts zur Zona intermedia und den Vermis des Cortex des Paleocerebellis.
  2. den Fasern des gekreuzten Gowers´Bündel Tractus spinocerebellaris ventralis. Sie werden von den Impulsen der Muskeln, Sehnen und Gelenke aktiviert, die unterhalb des Wirbels T12 liegen. Diese Fasern steigen durch die Vorderseite des Seitenstrangs aufwärts. Dann setzen sie ihren Aufstieg durch den gesamten Hirnstamm fort, durchlaufen den oberen Kleinhirnstiel und erreichen nach diesen langen Umweg schließlich die obere contralaterale Cortex des Archi cerebellis.

Die verschiedenen Strecken, die diese beiden Bahnen durchlaufen erklären die besondere Rolle des Wirbels T12 der praktisch wie eine Drehscheibe funktioniert und rund um den Körper beim Gehen und Laufen alternierende und symmetrisch abweichende Bewegungen ausführt.
Der Fuß regelt und harmonisiert die aufsteigenden Bahnen und bewirkt die Antwort der absteigenden Bahnen.

Antagonistische Funktionen der mechanischen Rezeptoren in der Statik

Physiologisch: die gegen die Schwerkraft gerichtete Haltung eines stehenden oder liegenden Menschen ist vom Gleichgewicht zwischen diesen beiden mechanischen Rezeptoren abhängig.

Pathologisch:erklärt diese antagonistische Funktion sowohl die schmerzschonenden Haltungen als auch die Entstehung spezieller Morpho-Typen, infolutive, asthenisch, durch Erkrankung oder im Gegensatz dazu reaktive neurologische Symptome .

Therapeutische Funktionen der mechanischen Rezeptoren

Die Stimulierung der Rezeptoren an der Fußsohle löst myotonische Impulse aus, die sich in abgestuften Formen auf den gesamten Körper auswirken. Die Anwendung einer dünnen orthesischen Stimulanz an einen spezifischen Punkt der Fußsohle kann z.B. mit Hilfe eines kleinen Keiles den wir hier neurologisch nennen um ihn von den größeren mechanischen Einlagen zu unterscheiden, den Kreislauf am Ausgangspunkt des neuromuskulären Rezeptors aktivieren um etwa eine Tonus cappilaris auszugleichen oder ein infolutives Symptom zu behandeln.

Etwa durch eine retrocapitale Unterstützung auf die Sehnen oder besser auf die Gelenkformationen einwirkende Ligamentum metatarsaleum transversarum profundum um den Kreislauf am Ausgangspunkt des neurotendinösen Rezeptors zu aktivieren um einen Hohlfuß oder möglich ein reaktives Symptom zu beheben.

Jede, auch noch so leichte Disharmonie des vasorezeptorischen Systems der inneren Muskulatur sowie der Fascien, Bänder und des Sehnensystems hat schwerwiegende Konsequenzen für denn allgemeinen Tonus der Körperhaltung und ab dem 3. Lendenwirbel für die innere Muskulatur der Wirbelsäule.

Auf diesen wirkt sich ferner Lordose und Kyphose sowie auch die Dehnungen des Rückgrats aus und in der Folge auf die Stabilität der Wirbelsäule und die Verteilung der Last auf deren verschiedene Ebenen. Das heißt ein normaler Fuß bewirkt eine gleichmäßige Verteilung der Last auf die verschiedenen Wirbelsäulensegmente. Ein pathologischer Fuß ob Plattfuß oder Hohlfuß, Knickfuß oder alle Asymmetrien führen letztendlich zur falschen Belastung, sowie zur Überbeanspruchung der Wirbelkörper, der Bandscheiben sowie der hinteren Gelenke zwischen den Apophysen. Diese Regel gilt ausnahmslos.

Der Fuß als Schnittstelle zwischen Boden und Körper
Indem er eine Schnittstelle zwischen Boden und Körper darstellt ist der Fuß an der Sammlung und Weitergabe von Informationen über die Art und die Struktur des Bodens beteiligt.

Die statischen kinetischen Eigenschaften des Fußes ermöglichen die aufrechte Haltung beim Gehen, Laufen, Arbeiten und beim Sport. Die mechanischen Eigenschaften der inneren und äußeren Struktur ermöglichen dem Fuß eine Anpassung an die Belastungen und eine Filterung derselben. Zu einem Teil werden Verletzungen und Indikationen jedoch weitergeleitet und wirken sich auf den weiteren Organismus aus. Die Anpassung muß sowohl Barfuß als auch mit vom Schuh gestütztem Fuß möglich sein. Schuhe haben zwar einerseits eine gewisse Stützfunktion, andererseits können sie auch Ursache für die abnormale Belastung sein und rezeptive Informationen verhindern. Was ganz besonders bei Sportschuhen der Fall ist.

Einlagen mit extero-propriozeptiven Elementen:
Einlagen mit extero-propriozeptiven Elementen sind im allgemeinen zwischen den orthopädischen Einlagen und den Plantar-Orthesen einzuordnen. Jedoch im Gegensatz zu den Einlagen mit mechanischer Stützung, deren Aufgabe es ist aufrechte Stützung und Haltung zu sichern, basieren diese Elemente auf anderen neurophysiologischen Ergebnissen. Die Einlagen mit extero-propriozeptiven Elementen ermöglichen auf physiologische Ebene eine gezielte Wirkung auf die Sensibilität der mechanischen Rezeptoren des Fußes und damit auf die Haltungskontrolle. Damit gewährleisten sie eine korrekte orthostatische Position sowie eine ausgeglichene und perfekt koordinierte Motorik.

Bei Haltungsstörungen ermöglichen neurologische extero-propriozeptive Einlagen dank der Eigenschaften ihres Materiales und der verwendeten orthesischen Elemente mittels Aktivierung, Bremsung und Anpassung der Rezeptoren am Ort einen gezielten Eingriff zur Wiederherstellung des Gleichgewichtes des planteren Kontrollsystems.

Eine Alternation der Rezeptoreninformation stellt eine ernsthafte Beeinträchtigung des Körpergleichgewichtes dar. Der physiologisch sympatische und rezeptorische Kontrollmechanismus wirkt unabhängig von der bewussten und regelmäßigen Kontrolle durch das retikuläre System. Der bewusste Teil der Propriozeption des  eigenen Körpers ist in Wahrheit die Synthese aller Informationen, die wir von den Rezeptoren in und um den Gelenken aber auch von den Tastreizen und druckempfindlichen Hautrezeptoren erhalten.

Beim Vorliegen von Haltungsstörungen ist es wichtig, das dem Gebrauch von neurologischen Einlagen ein geeignetes propriozeptives Training mit symphatikaler Reflextherapie zur Wiedererlangung der propriozeptiven Fähigkeiten des Fußes vorangeht.

Dasselbe gilt auch für Sportler und Personen die gezwungen sind orthopädische Einlagen zu tragen.

Ziel der Reedukation ist auch die Beachtung des Grundprinzips, demzufolge auf funktionaler Ebene der Fuß niemals vom übrigen Organismus getrennt oder isoliert betrachtet werden kann. Der Fuß muß als integrativer Teil der Gesamtheit aller Körperfunktionen angesehen werden.

Die Haltungskontrolle
Die Positionierung des menschlichen Körpers mit seinen beweglichen Teilen im Raum erfordert eine dynamische Muskeltätigkeit die in der Lage ist der Erdanziehungskraft entgegenzuwirken. Der Haltungstonus wird von den Skelettmuskeln ermöglicht, die eher tonische Muskelarbeit verrichten und sich damit funktionell von den phasischen, für die Bewegung zuständigen, Muskeln unterscheiden.

Die Rolle der Muskulatur in der Orthostatik
Jeder Muskel erhält vielfältige Reize von verschiedenen Nerven und Bereichen des Gehirns. Die Muskeln können, je nach Art der Arbeit die von ihnen verlangt wird ihre Stoffwechseleigenschaften verändern. Ein und derselbe Muskel kann kinetische oder phasische Aufgaben oder aber posturale tonische Aufgaben erfüllen.

Jeder Nerv befördert Impulse verschiedenster Art in verschiedene Richtungen. Die Muskeln bestehen aus vielerlei Muskelfasern, die in motorische Einheiten organisiert sind. Eine motorische Einheit umfasst das Motoneuron sowie alle von diesem innervierten Muskelfasern. Die zu einer motorischen Einheit gehörenden Muskelfasern sind alle von derselben Art.

Die Muskelfasern der Skelettmuskulatur verfügen nicht über dieselben mechanischen und metabolischen Eigenschaften. Der Großteil der Muskeln besteht aus 3 verschiedenen Typen von motorischen Einheiten, die miteinander vermischt sind. Die maximale Kontraktionsgeschwindigkeit, die Kraft und der Ermüdungsgrad eines Muskels ist von dem Verhältnis abhängig, in dem die verschiedenen Arten von Muskelfasern zueinander stehen aus denen sie gebildet ist.

Ausgehend von diesen anatomischen physiologischen Voraussetzungen hat Dr. Rene Bourdiol die Muskeln in kinetische, emotionale und motorisch posturale Muskeln unterteilt. Diese funktionale Einteilung entspricht einer neuro-anatomischen und klinischen Realität und stellt einen Ausgangspunkt für wichtige therapeutische Anwendungen dar.

Die kinetischen Muskeln
So werden jede Muskeln bezeichnet, deren Tätigkeit geplant ist und willentlich bestimmt und bewusst ausgeführt wird. Ihre Steuerung erfolgt im Neo-Cortex und zwar in den folgenden Schichten : schematisch.

Schicht 4 : pyramidal werden stimulierende Körperbewegungen ausgelöst.

Schicht 6 : parapyramidal in der die assoziierten Bewegungen entstehen.

Schicht 8 : extrapyramidal die für die Präzision, die Feinheit und die in Qualität spezialisierte Bewegung zuständig ist.

Die kinetischen Muskeln entsprechen den weißen Muskeln in der Physiologie. Ihre kinetische Fähigkeit ist durch das Vorherrschen von schnellen phasischen motorischen Einheiten bedingt. Ihre Energie erhalten sie von einem oxidativen äroben Stoffwechsel von Typ 2a oder einem anäroben Stofwechsel von Typ 2b . Es handelt sich hier um schnelle kräftige und effiziente Muskeln mit einer hohen Kontraktionsgeschwindigkeit, die jedoch empfindlich sind und schnell ermüden.

Unter pathologischen Bedingungen wechseln diese Muskeln von phasischer zur tonischer Aktivität. Die Muskelfasern machen also eine langsame Wendung von schnellen, phasischen zu langsamen tonischen Fasern durch. Auch der Muskelmetabolismus verändert sich und es kommt zu Schmerzen, Kontrakturen , zu Verspannungen und Blockaden.

Die emotionalen Muskeln
Emotional nennen wir Muskeln, die folgende Eigenschaften besitzen: Anatomisch gesehen verfügen sie über nur eine Knocheninsertion. Die andere Insertion betrifft die Haut (mimische Muskulatur), die Sehnen (Musculus lymphykale und Musculus plantaris) oder die Aponeurose. Sie sind halbwillkürlich. Sie werden nicht immer bewusst wahrgenommen.
Sie sind von einem besonderen motorischen Cortex abhängig, dem Rhinenzephalon. Ihre Steuerung liegt in den Windungen des Gyrus circuli der genetisch ältesten Großhirnrinde.

Die tonischen posturalen Muskeln
So werden einerseits alle jene Muskeln definiert, die sich der Schwerkraft widersetzen. Andererseits die als Schutz und Alarmsystem dienende Muskulatur wie etwa die Nackenmuskulatur, die über die Integrität des vertigo-vasculären Systems wacht. Es sind die orthostatischen Muskeln, deren tonisch posturale, gegen die Schwerkraft gerichtete Wirkung ist durch das Vorherrschen von langsamen  tonischen motorischen Einheiten bedingt. Die tonisch posturalen Muskeln verfügen über ein spezielles Stoffwechselsystem, damit können sie langsam aber lange Zeit hindurch arbeiten. Die Muskelfasern besitzen einen oxidativen Stoffwechsel und sind sehr gefäßreich. Ihre Kontraktionsgeschwindigkeit ist gering, sie sind jedoch extrem ausdauernd. Wir haben es also mit einem System zu tun, das in der Lage ist, lange Zeit hindurch aktiv zu sein und die entwickelte Kraft konstant beizubehalten. Aus neurologischer Sicht stehen diese Muskeln in einer privilegierten Beziehung zu den propriozeptiven Rezeptoren. Ihre Steuerung ist unbewusst, sie geht aus von Subcoricle Kenre,vom Kleinhirn und vom Hirnstamm. Diese Muskeln werden rezeptorisch also automatisch gesteuert und komprimiert.

Unter pathologischen Bedingungen wechseln diese Muskeln von tonischer zur phasischer Aktivität. Die Muskelfasern machen also eine langsame Wendung vom langsamen tonischen zu schnellen phasischen Fasern durch. Auch der Muskelmetabolismus verändert sich und es kommt zu Schmerzen, Kontrakturen , zur Instabilität.

Fuß und Kleinhirnsystem
Das Kleinhirn kann aus biokinetischer und anatomisch funktionaler Sicht in drei Lappen unterteilt werden, die verschiedene einander ergänzende Bedeutungen haben.

  • Der älteste Teil des Kleinhirns, das Archicerebellum , ein wesentlicher Bestandteil des Vestibularapparates von dem das Gleichgewicht abhängt.
  • Ein etwas jüngeres Kleinhirn, das Paläocerebellum, das mit dem Rückenmark verbunden ist und für den Tonus der posturalen Muskulatur und die Koordination des Mukeltonus sorgt.
  • Das jungste Kleinhirn, das Neocerebellum, das mit der Brücke und den Hemisphären zusammenhängt, die willkürliche Aktivität steuert und für die Feinkoordination der Bewegungen verantwortlich ist.

Das für das Gleichgewicht zuständige Archicerebellum ist mit dem kurzen Flexor (M. flexor hallucis brevis) und den Adduktoren ( M. adduktor hallucis) der großen Zehen verbunden. Die Sesambeine spielen hier eine wichtige Rolle in der Kontrolle der seitlichen Belastung.

Das Paläocerebellum ist jenes Element, das unsere Körperbeziehung zur Erdanziehungskraft kontrolliert und die Orthostatik regelt. Die Oberflächenmuskulatur der Fußsohle setzt sich zusammen aus den Abduktoren der großen Zehen (M. abduktor hallucis) , dem kurzen Abduktor (M. abduktor digiti minim) der kleinen Zehen und den Zehenbeuger. (M. flexor digitorum) Die Aktivierung dieser Muskeln ist bestimmend für den Haltungstonus.

Das Neocerebellum ist ausschließlich mit der Hirnrinde verbunden. Das Neocerebellum erhält ständige Informationen sowohl zum Zustand der Muskeln, Sehnen und Gelenke, afferente proprioceptive Bahnen als auch zu den vom Cortex bearbeiteten motorischen Ebenen afferente Cortex-Kleinhirn-Bahnen. Das Neocerebellum hat eine Schlüsselrolle in der Kontrolle der motorischen Koordination. Die mittlere Muskelschicht der Fußsohle besteht aus dem M.flexor digitorum brevis, die Mm. Lumbricalis und dem M. quadratus plantar. Verantwortlich für die Kontrolle der virtuellen Mobilität steuert das Neocerebellum das Wechselspiel von pyramidalen und extrapyramidalem System

Die schwingenden Muskelketten
Dabei handelt es sich um die proprioceptive posturale Kette. Sie bedingt die alternierende Beteiligung der Haltungsmuskulatur, die subcortical also unwillkürlich kontrolliert wird. Wir haben ihre Bestandteile über lange Zeit hindurch elektromyografisch erforscht und beobachtet. Diese Muskelgruppe die Rene Bourdiol nach jenen Fußformationen benannt hat, in denen sie ihren Ausgangspunkt haben. Die propriozeptive Kette bezeichnet daher eine von den Flexoren ausgehende Kette, da diese ihren Ursprung in den Beuge-Muskeln des Fußes und der Zehen hat. Ihr gegenüber stehen die von den Extero-sensor ausgehende Kette, die ihren Ursprung in den langen Streckmuskeln des Fußes und der Zehen, sowie der kurzen Streckmuskeln der Zehen hat.